Quereinstieg

Platzmangel: Medizinstudium auf Umwegen

Das Medizinstudium ist für viele ein Traum – doch die Zulassungskriterien sind hart. Was also tun, wenn es beim ersten Anlauf nicht klappt? Wir haben mit Charitéstudentin Kerstin Müller über ihren Weg ins Medizinstudium gesprochen.

Quereinstieg geschafft: Eine Medizinstudierende steht zwischen den Regalreihen in der Universitätsbibliothek.
Ob Einser-Abi, Medizinertest oder Quereinstieg: Viele Wege führen ins Medizinstudium. Die meisten von ihnen dauern jedoch lange, sind hart und anspruchsvoll. ©unsplash/bantersnaps

Lesedauer: 5 Minuten

975.222 Bewerbungen auf einen der 9660 freien Medizinstudienplätze im Wintersemester 20/21. Diese Zahlen muss man erst einmal sacken lassen. Zwar ist die reale Anzahl an Bewerberinnen und Bewerbern sehr wahrscheinlich geringer, da viele ihr Glück bei mehreren Universitäten versuchen. Trotzdem ist die Konkurrenz um einen Studienplatz enorm und die Chance auf einen direkten Einstieg in die Medizin gering. Entweder man brilliert mit einem Abischnitt von 1,0 beim Numerus clausus (NC) oder man versucht sein Glück über weitere Auswahlverfahren sowie Umwege wie ein Medizinstudium im Ausland oder eine vorherige Ausbildung. Wege, die vor allem eines brauchen: Biss und Ausdauer. Wie viel genau es davon braucht, weiß Kerstin Müller. Über zehn Jahre lang hat sie nicht lockergelassen und an ihren Traum vom Medizinstudium geglaubt – heute ist sie Medizinstudentin an der Charité in Berlin.

 

Es kann nur Medizin werden

Die Medizin war schon immer eine Leidenschaft für Kerstin. Ein Direkteinstieg ins Studium war für sie aber nicht möglich: Mit einem Abiturschnitt von 2,4 flatterten ihr nur Absagen nach Hause. Also den Traum von der Medizin begraben? »Ich habe erst mal überlegt, was für mich sonst noch in Frage kommt. Da mich auch Sprachen interessiert haben, habe ich mich für Linguistik sowie Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Berlin eingeschrieben und das für drei Semester studiert. Aber die Medizin hat mich nie losgelassen.« Der entscheidende Moment: »Ich besuchte mit einer Freundin, die bereits Medizin studierte, eine Anatomievorlesung. Da dachte ich mir: Es muss Medizin werden.« Aber was tun, wenn die Anforderungen für das Medizinstudium noch nicht erfüllt sind? Eine Möglichkeit: einen Umweg über die Bundeswehr nehmen, die ein Medizinstudium anbietet. Problemlösung gefunden? Nein: »Ich hatte mich letzten Endes gegen diesen Weg entschieden, da man sich dann für viele Jahre verpflichten muss. Das war nichts für mich, da ich Familie haben wollte und mir eine Standortsicherheit durch die Bundeswehr leider nicht garantiert werden konnte. Ebenso wenig kann man mit hundertprozentiger Sicherheit die Facharztausbildung, die man machen möchte, am Ende auch bekommen.«

Umweg über die Pflegeausbildung

Stattdessen brach Kerstin ihr Linguistikstudium ab, um Wartezeit für das Medizinstudium zu sammeln und sich erstes medizinisches Know-how mit einer Ausbildung im Gesundheitswesen anzueignen. Ein beliebter Weg unter Quereinsteigenden, schließlich liefern Gesundheitsberufe wie Physiotherapie, Ergotherapie oder auch Krankenpflege wichtiges Wissen, das Vorteile im Studium bringen kann. Kerstin entschied sich für die Krankenpflege – und stieß auch damit erst auf Gegenwind: »Man wollte mir keinen Ausbildungsplatz geben, da ich ja ›nur Medizin studieren‹ wollte. Diese Annahme entstand daraus, dass die Leitung der Krankenpflegeschule aufgrund meines sehr guten Einstellungstests und meines Abiturs diesen Rückschluss für sich zog.« Erst nach einem sechswöchigen Vorpraktikum auf einer Inneren Station mit sehr gutem Zeugnis konnte sich Kerstin einen Platz sichern und den ersten Schritt auf der langen Reise zum Medizinstudium gehen. »Zwischenzeitlich hatte ich wirklich Tiefpunkte. Dachte mir, wie lange soll das noch gehen, ich werde ja nicht jünger. Aber besonders mein abgeschlossenes Pflegeexamen zwei Jahre später hat mir noch mal einen Motivationsschub gegeben. Also habe ich gearbeitet, gewartet, gearbeitet und gewartet.« Nach noch mal fünf Jahren Arbeit als Krankenschwester war es dann so weit: Im Sommersemester 2014 hat Kerstin ihre Zulassung für einen Studienplatz für Medizin an der Charité in Berlin bekommen.

Hürden während des Medizinstudiums

Endlich am Ziel? Ja, aber die Arbeit hörte für die Berlinerin trotzdem nicht auf. Eine Förderung des Studiums mit BAföG war nicht möglich, da Kerstin bereits verheiratet war und sie ein entfristetes Arbeitsverhältnis in Teilzeit hatte, das sie nicht kündigen wollte. Auch bei ihrer Krankenkasse stieß Kerstin auf Unverständnis. Der Härtefall zur Verlängerung der studentischen Krankenversicherung über das 30. Lebensjahr hinaus wurde bei ihr nicht berücksichtigt – trotz vorgelegter Ablehnungsbescheide der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen und des Krankenpflegeexamens. Um sich das Studium zu finanzieren, hat Kerstin also weiterhin Schichten im Krankenhaus geschoben. »Ich wollte meinen Eltern nicht mit Anfang 30 auf der Tasche liegen und habe deshalb immer in Teilzeit gearbeitet. Umso älter man wird, desto schwieriger wird es, das Studium zu finanzieren. Wenn man dann noch eine Familie zu ernähren hat, reicht das Geld nicht mehr zum Leben.«

Extremes Lernpensum im Medizinstudium

Eine weitere Hürde neben dem Job im Krankenhaus: die Rückkehr zum extremen Lernmodus nach sieben Jahren Berufswelt. »Das war schon sehr anstrengend, mein Abi lag ja zu dem Zeitpunkt zehn Jahre zurück. Ich habe aber viel Fleiß investiert und privat einen Biochemie-Crashkurs gemacht, der mich gut auf die Klausuren vorbereitet hat.« Im Hörsaal hieß es für die späte Einsteigerin dann aber trotzdem, sich aufrecht zu halten neben den Kommilitoninnen und Kommilitonen, die den Direkteinstieg ins Medizinstudium geschafft haben. »Die meisten hatten gerade ihr Abi hinter sich und den Stoff der naturwissenschaftlichen Fächer noch präsent. Wenn da ein Thema aufkam, wussten viele direkt Bescheid – und ich hatte erst mal Fragezeichen im Kopf.«

Pflegeerfahrung als Vorteil im Studium

Ein Konkurrenzkampf also zwischen jüngeren und älteren Studierenden? Absolut nicht: In Seminaren und Lerngruppen hat Kerstin sich schnell einen guten Draht zu ihren Mitstudierenden aufgebaut. »Meine Freunde haben mir bei theoretischen Fragen auf die Sprünge geholfen, und ich habe meine Pflegeerfahrung eingebracht.« Denn mit der konnte Kerstin gut im Studium punkten, zum Beispiel beim Erstellen von Anamnesen, ersten Schritten der körperlichen Untersuchung oder auch der Patientenvorstellung: »Das war in dem Sinne nichts Neues für mich und hatte viele Gemeinsamkeiten mit meiner Arbeit vorher.« Ein weiterer Vorteil durch die vorherige Ausbildung: Auch das Pflegepraktikum konnte sich Kerstin sparen und stattdessen das Überstundenkonto aufbauen, um sich Lernzeiten im Semester zu schaffen. Mit Erfolg: Mittlerweile hat Kerstin ihr zweites Staatsexamen geschafft, sie absolviert momentan ihr PJ und ist in der Zwischenzeit Mutter eines kleinen Sohnes geworden. In Zukunft kann sie sich auch eine eigene Niederlassung vorstellen: »Stellt sich nur noch die Frage in welcher Fachrichtung.« Aber ob dieser lange, harte Weg für jeden etwas ist? »Es kommt drauf an. Wer der beste Chefarzt oder die beste Neurochirurgin werden will, der hat es, glaube ich, mit steigendem Alter schwerer, diesen Karriereweg einzuschlagen. Es zieht Kraft und dauert. Für mich hat sich das Warten trotzdem gelohnt und ich würde diesen Weg immer wieder so gehen.«

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