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Medizinstudium

Die Ersten ihrer Art

Viele Medizinstudierende in Deutschland kommen selbst aus Arztfamilien. Aber: Was, wenn nicht? Hat man dadurch Nachteile im Studium?

Ein junger Arzt erklärt seinem Vater mithilfe eines Tablets seinen Beruf.
Wenn die Eltern nicht aus dem Bereich der Medizin kommen, kann es vieles geben, was du ihnen erklären musst. ©iStock/ Peopleimages

Lesedauer: 4 Minuten

In den meisten Fällen haben die eigenen Eltern einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Berufswahl. Mal dienen sie als Vorbild, mal als abschreckendes Beispiel dafür, was man selbst niemals werden möchte. Ärztinnen und Ärzte sind in der Hinsicht allerdings etwas Besonderes, denn unter ihnen wird der Beruf überdurchschnittlich oft an die Kinder »vererbt«. Die Berufsmonitoring-Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zeigt, dass die Eltern bei knapp einem Viertel der befragten Medizinstudierenden selbst Medizinerinnen oder Mediziner sind. Die Daten zeigen auch, dass die Berufsvererbungsquote im Medizinstudium, verglichen mit den letzten erhobenen Zahlen, ebenfalls konstant und vergleichsweise hoch ist. 43 Prozent der männlichen Medizinstudenten haben Eltern oder andere Verwandte, die ebenfalls in der Medizin arbeiten. Der Prozentsatz unter den Frauen ist mit 38 Prozent etwas geringer.

 

Drei Ausreißer berichten

Aber wie studiert es sich, wenn in der Familie niemand zuvor Ärztin oder Arzt war? Wir haben mit den drei Freunden Laura, Fritz und Erik gesprochen. Lauras Mutter ist Pfarrerin, ihr Vater Verwaltungsbeamter. Die Mutter von Fritz ist Lehrerin, der Vater Forstwirt. Und Eriks Eltern: Lehrerin und Landmaschinenschlosser. Wo kommt die Motivation her, Medizin zu studieren, wenn es familiär niemand vorgelebt hat?

Laura: »Ich war immer schon an Biologie interessiert und wollte wissen, wie der Mensch denn eigentlich so funktioniert. Und ich wusste, wenn ich das herausfinden will, muss ich das studieren. Es waren also vor allem die Neugier und der Wissensdurst.«

Fritz: »Richtig, der Wissensdurst. Wie funktioniert der Mensch? Das fand ich spannend – und finde es immer noch. Dass heute bei dem jetzigen Wissensstand immer noch so viel spekuliert werden muss! Vorher habe ich Maschinenbau studiert, aber das war mir zu theoretisch und nicht lebendig genug. Dann dachte ich mir: Probiere ich Medizin doch einfach mal aus.«

Erik: »Bei mir gab es tatsächlich ein Schlüsselerlebnis. Nämlich als ich mit zehn Jahren ein Krankenhaus besucht habe und die Ärzte und ihre Arbeit dort einfach supercool fand. Im Abitur haben mich dann naturwissenschaftliche Prozesse rund um den menschlichen Körper besonders fasziniert und so stand meine Entscheidung dann fest.«

Was alle drei gemein haben, ist, dass sie nicht in einem medizinischen Haushalt aufgewachsen sind. Fritz sieht hier den größten Vorteil von Arztkindern, da sie mit dem medizinischen Kosmos vertraut sind. Klar: Wer im Grundschulalter am Abendbrottisch schon gelernt hat, was eine »Anamnese« ist, findet sich später im Medizinstudium womöglich schneller zurecht. Laura, Fritz und Erik haben sich zwar schnell zurechtgefunden, merken aber, dass ihre Familien manchmal falsche Vorstellungen von dem Beruf der Ärztin oder des Arztes haben.

Laura: »Mythen und Fehlinformationen kann ich ganz gut aus dem Weg räumen. Aber: Außer mir sind in der Familie alle immer nur Patienten. Manchmal muss man da schon erklären, dass wir Ärztinnen und Ärzte auch nur Menschen sind und wie das Gesundheitssystem überhaupt funktioniert. Was in einer Notaufnahme passiert. Warum die Ärzte vielleicht nachts um drei Uhr mal nicht ganz so gut gelaunt sind. Dass sechs Nachtschichten am Stück anstrengend, aber auch keine Besonderheit sind. Solche Dinge.«

Fritz: »Ja, Pharmaindustrie und Gesundheitssystem – da muss ich auch viel erklären. Und natürlich differenzieren viele nicht zwischen den Fächern. Ich höre dann so etwas wie: ›Wenn du dann im OP stehst …‹. Dabei bin ich Kinderarzt.«

Laura: »Genau, dieses Bild haben in meiner Familie glaube ich viele: ›Das ist der Arzt, der Menschen aufschneidet.‹ Da muss ich dann oft sagen: ›Nein, ich bin der Arzt, der Tabletten verschreibt.‹«

Viele Chancen, kaum Nachteile

Der Berufsmonitoring-Studie zufolge haben 71 Prozent der Befragten zu Beginn des Studiums praktische Erfahrungen im medizinischen Bereich. Hierzu zählen die Einblicke, die Studierende über die Arzttätigkeit ihrer Eltern oder Verwandten gesammelt haben, aber auch Ausbildungen oder Erfahrungen über ein Freiwilliges Soziales Jahr. Dass es im Medizinstudium nicht zuletzt auf ein Gespür für den »medizinischen Kosmos« ankommt, wird seit einiger Zeit an den medizinischen Fakultäten immer mehr berücksichtigt. So haben beispielsweise im Herbst 2020 rund 100 angehende Landärztinnen und -ärzte mit dem Medizinstudium begonnen, unter denen sich vor allem Pflegekräfte und Notfallsanitäterinnen und -sanitäter befinden.

Ob durch eigene Erfahrungen oder durch die familiäre Prägung: Eine frühe Berührung mit der Medizin scheint für das Studium von Vorteil. Aber davon abgesehen: Hat man denn nun Nachteile, wenn man als Nicht-Arztkind Medizin studiert?

Laura: »Im Studium profitiert man nicht stark davon, wenn die Eltern Ärzte sind. Die Fakultäten sind ja groß und man ist eher anonym, sodass man auch gar nicht so oft anbringen könnte, das Kind von Dr. So-und-so zu sein.«

Erik: »Mir fallen ein paar Situationen im Studium ein, in denen Arztkinder von Kontakten profitiert haben. Bei Famulaturen zum Beispiel oder im Pflegepraktikum. Und ich glaube auch, dass es hin und wieder zur ›Vermittlung‹ von Arztkindern an einen befreundeten Chef- oder Oberarzt kommt. Aber ich bin überzeugt, dass sich in unserem Beruf in ganz großer Mehrheit eine gute ärztliche Leistung durchsetzt und der Background keine große Rolle spielt.«

 

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