Herausforderung im Studium

»Das habe ich auch!« Krankheits­ängste bei Medizin­studierenden

Wer sich intensiv mit Krankheiten und Symptomen beschäftigt, kommt manchmal zu dem Schluss, selbst an der einen oder anderen Krankheit zu leiden. Sind Medizinstudierende daher mehr als andere gefährdet, dadurch Ängste zu entwickeln?

In gezeichneten Gedankenblasen sind diese Sätze zu lesen: Vom Hirntumor bis Herz-Lungen-Problemen. Habe ich Tetanus trotz Impfung? Eine Dysphagie, aber das Gefühl hatten nach der Vorlesung fast alle im Kurs.
Nicht wenige Medizinstudierende grübeln darüber nach, ob sie nicht bestimmte Symptome einer Krankheit an sich entdecken. Zumeist gerade dann, wenn sie sich im Studium damit auseinandersetzen müssen. © Nicole Szmigielski-Smiechowski

Lesedauer: 3 Minuten

Habe ich nicht auch dieses Stechen? Und diese besondere Art von Kopfschmerz? Und dann diese Magenprobleme. Vielleicht habe ich tatsächlich …? Die Sorge zu erkranken kennt wahrscheinlich jeder. Doch wer sich wie du und deine Kommilitonen naturgemäß ständig mit Krankheiten auseinandersetzen muss und lernt, Symptome zu deuten, hat vielleicht eher die Tendenz, eine Eigendiagnose zu stellen. Und zu dem Schluss zu kommen, selbst Krankheit X zu haben – und letztlich gesteigerte Krankheitsängste zu entwickeln. Dr. Maria Gropalis, Psychologische Psychotherapeutin und Leiterin der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, hilft Studierenden bei ganz unterschiedlichen Problemen. Welche Erfahrungen hat sie dabei gemacht? 

Frau Dr. Gropalis, neigen Medizinstudierende tatsächlich eher zu Krankheitsängsten?

Es gibt einige wissenschaftliche Studien, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben. Hierzu wurde in den 1960er Jahren sogar der Begriff der ›medical students‘ disease‹ geprägt. Aktuellere, methodisch saubere Studien zeigen jedoch, dass Medizinstudierende nicht häufiger unter Krankheitsängsten leiden als Studierende anderer Fächer. Trotzdem hält sich diese Annahme hartnäckig. Mögliche Erklärungen könnten sein, dass Medizinstudierende mit Krankheitsängsten eher auffallen oder in Erinnerung bleiben als beispielsweise Studierende der Philosophie.

Dann ist an dieser Vermutung nichts dran?

Die Krankheitslehre im Studium führt allenfalls vorübergehend zu einer stärkeren Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit. Beispielsweise, wenn in der Vorlesung ein bestimmtes Thema dran ist und der oder die Studierende bei sich prüft, ob er oder sie die entsprechenden Symptome hat. Dies ist eine normale Reaktion und sollte nicht überbewertet werden.

Was sind die Ursachen für eine gesteigerte Angst vor Krankheiten?

Krankheitsängste sind von vielen Faktoren abhängig. Risikofaktoren können Erfahrungen mit körperlichen Erkrankungen bei engen Bezugspersonen sein sowie eigene Erkrankungen. Ein überbehütender Erziehungsstil kann ebenfalls anfällig dafür machen, genau wie eine Tendenz zur Ängstlichkeit. Kommen nun in einer stressreichen Lebensphase passende Auslöser hinzu, zum Beispiel Medienberichte über schwerwiegende Erkrankungen oder körperliche Beschwerden, kann es zur Entwicklung einer Krankheitsangststörung kommen.

Ab wann werden Krankheitsängste bedenklich und sollten mit einem Therapeuten besprochen werden?

Bleiben Krankheitsängste trotz Besuchs beim Arzt über mehrere Monate bestehen oder treten immer wieder auf, ist das ein erster Hinweis. Neigen Betroffene außerdem dazu, sich entweder häufig über Krankheiten und Symptome zu informieren, zum Beispiel im Internet, oder im Gegenteil das Thema Krankheiten komplett zu vermeiden und entstehen dadurch Einschränkungen im Leben, sollte man professionelle Hilfe suchen.

Wie können Sie Studierenden helfen, die unter diesen Sorgen und Ängsten leiden?

Liegt eine psychische Störung vor, vermitteln wir die Ratsuchenden in eine ambulante Psychotherapie. Bei der Therapie hat sich die Kognitive Verhaltenstherapie bewährt. Nach diesem Ansatz hilft – wie bei anderen Ängsten auch – am besten die Konfrontation mit den Befürchtungen. In der Therapie werden sogenannte Sicherheit suchende Verhaltensweisen, wie beispielsweise die Internetrecherche oder das Body Checking, schrittweise abgebaut. Zudem wird dabei trainiert, entstehende Ängste zuzulassen. Dadurch können Betroffene die Erfahrung machen, dass die Ängste auszuhalten sind. Auf der anderen Seite erfolgt die klassische Expositionsbehandlung, eine Technik der Verhaltenstherapie. Die Patientin oder der Patient lernt, dem inneren Druck standzuhalten und bemerkt, dass keine negativen Folgen eintreten müssen. Er kann sich an die Situation, gewöhnen, die Angst verringert sich und verschwindet schließlich ganz. Die Therapie sieht so aus: Zum einen setzt sich der Betroffene gedanklich mit der Vorstellung auseinander, eine tödliche Krankheit zu haben. Zum anderen sieht sich der Patient beispielsweise Filme über die befürchtete Krankheit an oder besucht einen Friedhof. Zusätzlich wird daran gearbeitet, Krankheitsüberzeugungen zu hinterfragen und negativen Gedanken eine neue Richtung zu geben. Studierende mit nur milde ausgeprägten Krankheitsängsten können wir auch in der Beratungsstelle behandeln.

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