Praktisches Jahr

»Im Krankenhaus fehlt mir das Persönliche«

Medizinstudent Tim Jäger absolviert sein Praktisches Jahr. Seine aktuelle Station ist die chirurgische Abteilung. Die bisherigen Erfahrungen im Studium und in den Praktika haben ihm eines klar gemacht: Er will sich niederlassen.

Medizinstudent Tim Jäger steht im großen, hellen Foyer eines Krankenhauses.
Medizinstudent Tim Jäger weiß bereits, wie sein weiterer Weg nach dem Studium aussehen könnte. Für ihn besitzt die eigene Niederlassung klare Vorteile. © Stefan Tempes

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Im Foyer des Krankenhauses herrscht geschäftiges Treiben. Besucher, Patienten und medizinisches Personal bahnen sich ihren Weg über die großen Flure des Eingangsbereiches. Nebenan in der modernen Cafeteria ist es etwas ruhiger. Tim Jäger, 25 Jahre, lässt sich in den Stuhl fallen und greift zum Kaffee – offenbar froh, den Arbeitstag für heute beendet zu haben. 

Für den Medizinstudenten, der gerade sein Praktisches Jahr (PJ) in der Chirurgie absolviert, war der Weg in die Medizin nicht unbedingt klar vorgezeichnet. »Ehrlich gesagt, mein Abitur war überraschend gut, sodass ein Medizinstudium ohne Wartesemester möglich war«, erzählt Tim. »Ich wusste erst mal nicht, ob es wirklich zu mir passt. Ich habe es ausprobiert. Nach und nach bin ich dann in das Studium hineingewachsen. Die Medizin war die richtige Entscheidung.« 

Viel mehr als graue Theorie

Zehn Semester liegen jetzt hinter ihm. Wenn er nun auf sein Studium zurückblickt, was geht ihm durch den Kopf? »Viel Theoretisches«, sagt Tim und lacht. »Gerade in der Vorklinik habe ich Unmengen Stoff gepaukt, den ich später nie wieder gebraucht habe. Das war schon frustrierend. Aber ich habe über die Jahre auch viel über mich selbst gelernt, mich persönlich weiterentwickelt. Wohin die Reise geht, weißt du zu Beginn des Studiums oft noch nicht. Erst nach und nach merkst du, was dir gefällt, was dir liegt.« Vor diesem Hintergrund empfindet er auch die viel diskutierte Landarztquote als schwierig. »Sich zu Beginn des Studiums festzulegen, als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten, das hätte ich so nicht gekonnt. Erst durch die Famulaturen und die gewonnen Erfahrungen habe ich mir vorstellen können, Hausarzt zu werden.«

Näher am Menschen

Für Tim steht jetzt fest, dass er nach dem Abschluss des Studiums und der Weiterbildung nicht auf Dauer in der Klinik arbeiten möchte. Die Erfahrungen in der Famulatur und im PJ haben ihn darin bestärkt. »Es geht im Krankenhaus häufiger darum, schnell die Betten freizubekommen, damit der nächste Patient nachrücken kann. So möchte ich auf Dauer nicht arbeiten, mir fehlt dabei das Persönliche.« Er will seinen Facharzt so wählen, dass er die Option hat, sich niederzulassen. Wahrscheinlich wird er sich auf die Allgemeinmedizin spezialisieren. Auch über eine eigene Praxis hat er sich bereits Gedanken gemacht. »Mir gefällt der Gedanke sehr, in einer Praxis einen festen Patientenstamm zu betreuen. Diese Art der Patientenbeziehung habe ich schon in meinen Praktika kennengelernt. So zu arbeiten erfüllt mich. Das ist ganz anders als in der Klinik.« 

Perspektive Niederlassung

Es sitzen nur noch wenige Besucher in der Cafeteria, Tim leert seinen Kaffee und denkt nach. Ihm ist klar, dass er als niedergelassener Arzt den medizinischen Bereich nicht mehr so leicht noch einmal wechseln kann. Als angestellter Arzt im Krankenhaus ist das eher möglich. Außerdem ist man mit einer Praxis örtlich gebunden. »Aber mich reizen noch viele andere Aspekte an der Niederlassung«, fährt er fort. »Ich bin überzeugt, dass sie Potenzial zur Weiterentwicklung bietet. Der große Gestaltungsspielraum, den die eigene Praxis bietet, ist die Basis dafür. Du bist dein eigener Chef, du entscheidest, welche Richtung du einschlägst, du bist flexibel in den Arbeitszeiten und – du musst keine Dienste mehr machen.« Tim lächelt, ihm gefällt offensichtlich dieser Gedanke. »Außerdem denke ich, wenn du mehrere Jahre als Arzt ambulant tätig bist, werden sich auch die Patienten finden, die zu dir passen. Ich kann mir vorstellen, dass dies das Arbeiten sehr angenehm macht. Zumindest haben mir das die Hausärzte so vermittelt, bei denen ich bisher als Famulant gearbeitet habe.«

Nichts, was sich nicht lösen lässt

Tim ist klar, dass viele Schritte zu machen sind, bis man tatsächlich eine eigene Praxis eröffnen und führen kann. Aber große Sorgen macht er sich nicht. Im Gegenteil. »Ich bin überzeugt, dass die Bürokratie keine unüberwindbare Hürde und auch kein Hexenwerk ist. Wer Lust hat, sich selbstständig zu machen, wird auch unterstützt«, sagt Tim bestimmt. »Die Ängste, die viele haben, dass viel Geld investiert werden muss und auch eine Insolvenz möglich ist, teile ich nicht. Sicher braucht man betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse, aber die kann man sich aneignen.«

Morgen geht es erst einmal mit dem Klinikalltag im PJ weiter. Die Arbeit in der Chirurgischen Abteilung empfindet Tim als frustrierend. Vor allem das Blutabnehmen und die Patientenaufnahme stehen auf dem Programm, viel zu lernen gäbe es nicht. Eigentlich seien die PJ-ler dort eher preiswerte Arbeitskräfte. Den Ärzten bliebe dort kaum Zeit, Dinge zu erklären. Tim ist froh, wenn er diese Station geschafft hat und die nächsten Schritte in Richtung Studienabschluss, Facharzt und schließlich eigene Praxis gehen kann.