STUDIENERFAHRUNG

Mit oder ohne – wie wichtig ist der Doktortitel?

Für viele Medizinstudierende ist der Doktortitel nach wie vor erstrebenswert. Doch welche Vorteile bringt er seinen Trägern wirklich? Und was nutzt er in der Niederlassung?

Zwei junge Medizinstudierende stehen im Labor und betrachten ihre Forschungsergebnisse.
Viele Medizinstudierende möchten gern promovieren. Das bedeutet für die meisten: forschen während des Studiums. @ iStock

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Es gibt wohl kaum eine Ärztin oder einen Arzt, die oder der von seinen Patienten nicht mit »Frau« oder »Herr Doktor« angesprochen wird. Für viele Menschen ist »Doktor« dasselbe wie »Arzt oder Ärztin«, also eher eine Berufsbezeichnung. Dabei ist der Titel in erster Linie ein akademischer Grad, der in allen möglichen Studienfächern erworben werden kann – auch in der Medizin.

Doktortitel gleich hohes Ansehen?

Wer einen Doktortitel trägt, genießt häufig auch ein gewisses Ansehen. Für den deutschen Dr. med. gilt dies in der Welt der Wissenschaft aber nur bedingt. Das liegt daran, dass sich die Promotionen in der Medizin in ihrer Qualität unterscheiden. Und das hat bestimmte Gründe: Der Doktortitel zeigt gewöhnlich an, dass du in der Lage bist, in der Forschung auf höchstem Niveau wissenschaftlich zu arbeiten. Dazu erlernst du in den meisten Studienfächern ein gewisses Handwerkszeug, erwirbst Routine im Schreiben von wissenschaftlichen Hausarbeiten – und promovierst üblicherweise erst nach deinem Studienabschluss. 

Schwankende Qualität der Dissertationen

Im Medizinstudium läuft das häufig anders. Viele Studierende beginnen ihre Dissertation bereits im Studium, um ihre ohnehin sehr lange Ausbildungszeit nicht noch zusätzlich zu verlängern. Das bedeutet einen riesigen Berg an Mehrarbeit – und somit noch mehr Stress. Außerdem ist ihre Doktorarbeit mitunter die erste schriftliche wissenschaftliche Arbeit. Denn Hausarbeiten sind selten im Studium gefragt und es fehlt die Übung – und nicht zuletzt das Handwerkszeug, sie professionell zu erstellen. Befragungen unter Studierenden zeigen, dass zudem ihre Betreuung durch die Doktormutter oder den -vater oft nicht optimal verläuft. All diese Faktoren haben Auswirkungen auf die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit. 

Die Konsequenz: Der deutsche Dr. med. wird im internationalen Vergleich weniger geschätzt. Deutsche Studierende, die sich beispielsweise für internationale Förderprogramme bewerben, bekommen das zu spüren. Sie müssen zusätzliche Qualifikationen mitbringen, zum Beispiel Veröffentlichungen nachweisen. Mittlerweile haben etliche Hochschulen reagiert und strukturierte Promotionsprogramme ins Leben gerufen, die Studierenden Hilfestellung bei ihrer Doktorarbeit leisten.

Promotion als Karrierekick

Geringeres Ansehen hin oder her: Wenn du in die medizinische Forschung gehen möchtest und du dir eine Karriere als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler vorstellen kannst, geht es nicht ohne Titel. Über die Relevanz des Doktortitels außerhalb der wissenschaftlichen Welt scheiden sich jedoch die Geister. 2017 hat der Hartmannbund Studierende gefragt, ob sie einen Nutzen in ihrer Promotion für ihre spätere Arbeit sehen: 44,3 Prozent stimmten dem zu, obwohl die wenigsten von ihnen später wissenschaftlich arbeiten wollen. Eine zweite Umfrage des Bundes unter Assistenzärztinnen und -ärzten aus dem gleichen Jahr zeigte allerdings, dass rund 60 Prozent der Befragten keinen Nutzen im Doktortitel für ihre ärztliche Tätigkeit sehen. Die Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte gab zudem an, dass ihre Arbeitgeber keinen Wert auf eine Promotion legen. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund beurteilt die Lage jedoch anders: Sie ist der Ansicht, Führungspositionen an Universitäten oder Krankenhäusern seien ohne Doktortitel nur schwer zu bekommen. Wer sich niederlassen will, kann dies getrost auch ohne Doktortitel tun. Für die eigene Praxis ist der Dr. med. keine Bedingung.  

Prestige bei den Patienten?

Doch wie stehen eigentlich die Patienten dem Doktortitel gegenüber – schraubt der Titel am Ansehen? Die Zahlen sprechen zunächst einmal dafür. Wie der Hartmannbund in seiner Umfrage ermittelte, glaubt der Großteil der befragten Assistenzärztinnen und -ärzte, dass die Promotion durchaus Einfluss darauf hat, wie Patienten Ärztinnen und Ärzte wahrnehmen. Ob Patienten sie tatsächlich anders bewerten, wenn kein Doktortitel vor dem Namen steht, lässt sich jedoch objektiv schwer beurteilen. Denn genaue Erhebungen dazu gibt es bisher nicht. Allerdings liegen Befragungen vor, die zeigen, was Patienten bei der Suche nach einer niedergelassenen Ärztin oder einem niedergelassenen Arzt besonders interessiert und nach welchen Kriterien sie auswählen. So ergab eine Umfrage im Auftrag der Weissen Liste und der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2018 interessante Aspekte:

94 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen Informationen zu Erfahrung und Fachkenntnissen bei der Suche nach einer Ärztin beziehungsweise einem Arzt sehr wichtig oder eher wichtig sind. Darüber hinaus legen sie Wert auf Informationen zu Hygienemaßnahmen (90 Prozent) und zu den angebotenen Leistungen in der Praxis (84 Prozent). 

In qualitativen Befragungen zeigt sich außerdem, dass Patienten auf Kommunikation, Kompetenz, Service und Behandlungsqualität Wert legen: Werde ich als Patient ernst genommen? Erläutert mir mein Arzt oder meine Ärztin meine Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten verständlich? Kann ich darauf vertrauen, dass die Ärztin oder der Arzt über ausreichende Erfahrung verfügt, um meine Krankheit zu behandeln? Bekomme ich schnell einen Termin? War die Behandlung erfolgreich? Dies sind zentrale Aspekte, die bei der Arztsuche im Fokus stehen. 

Promotion ja oder nein? Deine Checkliste 

Wie wichtig ein Doktortitel für dich ist, hängt davon ab, wohin dein Weg gehen soll: 

☐   Willst du Karriere in der Wissenschaft machen, wird es ohne Promotion schwierig.

☐   Hast du Lust auf eine Führungsposition, ist der Doktortitel vielleicht nicht unbedingt der ausschlaggebende, sicherlich aber ein hilfreicher Wettbewerbsfaktor.

☐   Für die Niederlassung ist der Dr. med. nicht erforderlich.

☐   Und auch nicht für eine volle Praxis. Denn für die Patienten scheint es wichtigere Qualitätsmerkmale zu geben, die eine gute Ärztin und einen guten Arzt ausmachen.