Masterplan 2020

»Der Masterplan ist nicht gegenfinanziert«

Das Jahr 2020 steht quasi vor der Tür – wie ist es um den Masterplan 2020 bestellt? Jana Aulenkamp, die ehemalige Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden, spricht über erste Erfolge und über Dinge, die noch gar nicht laufen.

Jana Aulenkamp sitzt im Foyer des Krankenhauses, in dem sie ihr Praktisches Jahr als angehende Ärztin absolviert.
Jana Aulenkamp ist im Praktischen Jahr ihres Medizinstudiums. 2018 leitete sie die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bmvd). Der Fokus ihres Engagements lag und liegt auf der Weiterentwicklung des Medizinstudiums. Die Zukunft des Gesundheitswesens bewegt sie. © Stefan Tempes

Lesedauer: 7 Minuten

Wir treffen Jana Aulenkamp im Foyer des Universitätsklinikums »Bergmannsheil« in Bochum. Gedämpfte Stimmen, sanfte Beleuchtung, keine Hektik – alles wirkt mehr wie in einer Hotellobby als in einem Krankenhaus. Dementsprechend wirkt die 28-Jährige, die hier gerade ihr Praktisches Jahr (PJ) absolviert. Wir wollen mit ihr über den Masterplan 2020 sprechen, der Veränderungen der Studienstruktur und Ausbildungsinhalte vorsieht. 

2012 wurden die angedachten Änderungen im Koalitionsvertrag anhand dreier Kernpunkte festgelegt. 2017 wurden die Maßnahmen formuliert und nächstes Jahr sollen diese umgesetzt werden. Jana Aulenkamp setzt sich mit der bmvd (Bundesvertretung der Medizinstudierenden) dafür ein, dass die Interessen der Medizinstudierenden zu diesem wichtigen Zeitpunkt Gehör finden. Tagesablauf strukturieren

Jana, bevor wir über den Masterplan sprechen – lass uns kurz über die bmvd sprechen. Ihr setzt euch dafür ein, dass sich die Arbeitskultur in der Medizin wandelt. Vom Hierarchischen hin zu einer menschenorientierteren Medizin, in der Patienten und Mitarbeiter im Vordergrund stehen. Was tut ihr, um die Arbeitskultur zu verbessern?

Wir setzen uns extern ein, gehen nach draußen und vertreten die Interessen der Studierenden. Beispielsweise indem wir in Gremien diskutieren oder Vorträge zu dem Thema halten. Wir möchten ein Verständnis dafür schaffen und unseren Punkt einbringen – also verdeutlichen, wie wir, als angehende Ärztinnen und Ärzte, uns die Arbeitskultur wünschen. Dann der zweite Punkt: Wie arbeiten wir zusammen? Wie kann man die Patientensicherheitskultur verbessern? Das muss ein Thema im Studium werden. Und drittens geht es darum, dass die Fachschaften und alle Aktiven im Verein, also die Studierendenschaft untereinander mehr zum Beispiel durch Projekte lernen zusammenzuarbeiten. 

Inwiefern muss sich denn das Lernen an den Universitäten ändern? Die bmvd strebt ja einen Paradigmenwechsel an.

Genau. Der Paradigmenwechsel besteht darin, dass nicht der Lehrende den Studierenden etwas beibringen möchte, sondern dass Studierende die Möglichkeit und Motivation haben, sich aktiv Wissen zu holen.

Was bedeutet das?

Das Konzept ist mehr oder weniger »Blended learning« oder »Flipped Classroom«. Das heißt, ich hole mir über Bücher oder e-Learning selber mein Wissen, gehe dann in ein Seminar, um Fallbeispiele oder Simulationen mit den Dozierenden durchzugehen. Aber diese ganze Wissensvermittlung findet nicht mehr unbedingt als Vorlesung statt. Sie kann über die Vorlesung erfolgen, aber zentraler wird die gemeinsame Besprechung. Das reine Wissen hole ich mir vorher und muss andere Kompetenzen, wie Teamarbeit und Zielsetzung, lernen.

Lass uns einmal ganz konkret auf die drei Kernpunkte des Masterplans 2020 eingehen: Praxisnähe in der Allgemeinmedizin, die Zulassungsveränderung und die Kompetenzorientierung. Was kann man sich unter Kompetenzorientierung vorstellen?

Es geht darum, dass man zum Arztsein neben Wissen auch die Kompetenzen benötigt, um mit diesem Wissen umzugehen. 

Welche sind das zum Beispiel?

Führungskompetenz, Kommunikationskompetenz, Gesundheitskompetenz – diese ganzen Themen drum herum. Also: weg vom rein medizinischen Wissen und hin zu diesen Kompetenzen, zu einem besseren Rollenverständnis und zu einer interprofessionellen Lehre. Interprofessionelle Lehre heißt, dass unterschiedliche Gesundheitsfachberufe zusammen lernen und ein gegenständiges Rollenverständnis erarbeiten. Also sich beispielsweise mit den Feldern Therapie, Pflege, Physio oder Logopädie zu verzahnen. Wir machen nachher die Versorgung gemeinsam. Daher muss an den Unis auch gelehrt werden, wie wir diese gemeinsame Versorgung effektiv angehen können.

Zum zweiten Kernpunkt: die Zulassungsveränderung. Gibt es da schon positive Entwicklungen?

Nun, die Zulassung ist durch die Kultusministerkonferenz bereits verändert worden, aber nicht so, wie wir uns das als Studierende vorgestellt haben. Was wir uns gewünscht hätten: weniger Betonung der Abiturnote, mehr Betonung weiterer Kriterien. Jetzt haben wir eher eine Überbetonung der Abiturnote mit 30 Prozent Abibestenquote. 

Was für Kriterien sind das?

Zum Beispiel der »Medizinertest«. Den können Unis freiwillig nutzen, um verschiedene Fähigkeiten zu prüfen, die im Medizinstudium erforderlich sind. Oder es gibt auch andere Verfahren wie den Situational Judgement Test, also eine Art Arbeitsplatzfähigkeitstest. Das wird in England oft gemacht. Berufliche Vorerfahrung oder Engagement könnten eine größere Rolle spielen, in anderen Ländern werden diese Faktoren bereits anerkannt. 

Bisher hat sich also noch nicht viel verändert in der Zulassung?

Eigentlich nicht. Die Prozente wurden ein bisschen hin und her geschoben, die Abinote ist jetzt wichtiger und es gibt keine Wartezeiten mehr. Aber das ist ja nicht die Veränderung, die wir uns gewünscht haben. Vor allem die Männer nicht (lacht).

Was meinst du damit?

Naja, es machen mehr Frauen ein gutes Abitur als Männer. Und je größer die Rolle ist, die das Abitur spielt, desto schwieriger wird der Zugang zum Studium für die Männer. Viele fordern gerade deshalb eine Männerquote fürs Studium. Da muss ich sagen: so ein Quatsch! In Heidelberg zum Beispiel wird schon immer der Medizinertest betont. Dadurch gelingt es denen fast schon wieder paritätisch, 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen ins Studium zu bekommen.

Hat der Masterplan 2020 denn bisher schon sichtbare Veränderungen angestoßen?

Ja, vor allem die Allgemeinmedizin, die deutlich an Attraktivität gewonnen hat.

Woran machst du das fest?

Wir machen mit der KBV (Anm. d. Red.: Kassenärztliche Bundesvereinigung) und dem Medizinischen Fakultätentag das Berufsmonitoring der Medizinstudierenden. Im Rahmen der Umfrage wurden Studierende 2010, 2014 und 2018 gefragt, welche Facharztrichtung sie einschlagen möchten. Und der positive Trend zur Allgemeinmedizin in den letzten acht Jahren ist deutlich zu erkennen.

Das ist gerade dann interessant, wenn man sich anschaut, dass der Masterplan ja noch gar nicht umgesetzt ist. Die Maßnahmen werden erst nächstes Jahr implementiert. Wie erklärst du dir die Entwicklung?

Also, rechtsgültig ist von dem Paket, das 2017 fertig geschrieben wurde, fast gar nichts. »Praxisnähe und Allgemeinmedizin« ist eines der drei zentralen Themen, die politisch gewünscht waren. Dementsprechend wurde viel darüber gesprochen. Daher wussten die Unis bereits 2012, dass etwas auf sie zukommt und das sie handeln müssen. Und einige haben das schon getan und zum Beispiel Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet.

Ein zentrales Thema kommt im Masterplan 2020 gar nicht vor: die Digitalisierung.

Stimmt, der Masterplan enthält 37 Maßnahmen und digitale Medizin ist dabei kein Thema. Die Unis müssen also 37 Punkte umsetzen und die Digitalisierung kommt »on top« dazu. Digitalisierung ist kein Teil des Masterplans, daher fokussiert es kaum eine Uni, außer Hamburg, Mainz oder Witten. Außerdem ist der Masterplan – Stand jetzt – nicht gegenfinanziert. Es gibt bisher keine Finanzierung, keine Extravergütung, nichts. Die Finanzminister haben damals quasi gesagt: Von uns gibt es kein Geld, wenn es keine sinnvolle Kostenberechnung gibt. Jetzt stellt sich die Frage, ob Geld für den Masterplan zur Verfügung gestellt wird oder ob die Unis alles aus ihrem eigenen Kontingent heraus stemmen. Auf Sparflamme. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich in Richtung Digitalisierung etwas tut, natürlich noch geringer, da zum Beispiel die digitalen Medien für die Lehre mit hohen Kosten verbunden sind.

Und warum steht die Digitalisierung nicht im Masterplan 2020?

Im Jahr 2012 war das kein Thema und auch 2016/2017 nicht, als die Maßnahmen formuliert wurden. Da gab es einen anderen Gesundheitsminister, der das Thema nicht so stark verfolgt hat wie Jens Spahn. Und in der Politik war davon auch noch nicht die Rede. Die bmvd fordert seit 2014 digitale Lehrformate einzusetzen und seit 2016 die Auswirkungen digitaler Technologien auf die Medizin im Studium zu verankern.

Empfindest du den Masterplan 2020, so wie er jetzt angegangen wird, als Erfolg?

Um das beurteilen zu können, müssen erst noch offene Fragen geklärt werden: Wie wird es mit der schon angesprochenen interprofessionellen Lehre genau aussehen? Wie sieht es mit dem Wahlcurriculum aus? Wie geht es mit dem PJ weiter? Es wäre beispielsweise ein Riesenerfolg für uns, wenn es im PJ endlich eine Aufwandsentschädigung gäbe. Die Veränderungen des Praktischen Jahrs sind zwar ein Teil des Masterplans, bekommen aber bisher noch zu wenig Aufmerksamkeit. Aber die finanzielle Regelung für das PJ ist in der Approbationsordnung niedergeschrieben und diese wird jetzt im Rahmen des Masterplans überarbeitet.

Das heißt, dass sich finanziell im PJ jetzt vieles ändern kann?

Ich hoffe es. Der Masterplan ist bis jetzt ein Maßnahmenpaket und damit es rechtsgültig wird, müssen viele Punkte davon in die Approbationsordnung umgeschrieben werden. Der Prozess findet diesen Sommer statt und wir hoffen, dass die Vergütung im Zuge dessen mitgeändert wird.