Masterplan 2020

Umgedrehtes Lernen: ein neues Lehrkonzept für Medizinstudierende

Im medizinischen Alltag reicht Wissen allein nicht aus. Daher steht der Punkt »kompetenzorientierte Ausbildung« an erster Stelle des Masterplans 2020. Wir haben mit Prof. Dr. med. Bernhard Marschall, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der der Wilhelms-Universität Münster, darüber gesprochen, wie sich die Lehre verändern kann.

Ein Medizinstudent verfolgt aufmerksam die Vorlesung im Hörsaal.
Erst zu Hause lernen, dann mit anderen das Gelernte vertiefen – das ist der Ansatz des Flipped-Classroom-Konzepts. © iStock / gorodenkoff

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Herr Prof. Dr. Marschall, »kompetenzorientierte Ausbildung« ist ja ein sperriger Begriff. Was sagen Sie, was ist denn eigentlich Kompetenz – und wie entsteht sie?

Informationen verknüpft mit Kontext und Erfahrungen führen zu Wissen. Wissen in Verbindung mit einem Anwendungsbezug führt zu Können und wenn man seinem Können entsprechend handelt – dann entsteht Kompetenz. Es ist ja so: Medizinstudierenden muss man nicht das Lernen beibringen. Die Klientel ist in der Regel sehr gut in der Lage, zu lernen und daraus Kompetenzen zu schaffen. Das wollen wir mit dem Flipped-Classroom-Konzept angehen.

Was ist das?

Eine Lehr- und Lernmethode, die das weit verbreitete Lernverhalten umkehrt. In einem Koordinatensystem könnte man sich das so vorstellen: Man beginnt mit den Themen eines neuen Fachbereichs bei 0, wenn die Studierenden gar kein Vorwissen haben. Dann werden sie von 0 aus auf den neuesten Wissensstand katapultiert. So wird in der Regel gelehrt. Aber mittlerweile weiß man, das Wissen erst bei der Anwendung verinnerlicht wird. Ein Studium, das in der Lehre größtenteils auf eine reine Wissensvermittlung abzielt, greift daher zu kurz. Lernen würde ich als die Verknüpfung von Fakten mit Bedeutung definieren.

In der Regel werden die Fakten also nicht oder mit zu wenig Bedeutung verknüpft, um im Gedächtnis zu bleiben?

Es kann funktionieren – wenn der Lehrende sehr charismatisch ist oder er beispielsweise einen Patienten mit in die Vorlesung bringt. Oft ist es aber so, dass man wie gesagt hochkatapultiert wird und die Lernkurve anschließend sinkt. Wenn man im Anschluss für sich lernt, erreicht man ein gewisses Niveau, aber aufgrund der mangelnden Anwendung nicht so hoch, wie das geballte Wissen, mit dem man konfrontiert wurde. Zu oft wird thematisch gelernt, aber nicht kausal. Um mit dem Wissen umzugehen, muss man kritische Selbstreflektion lernen.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen wir die Arzt-Patienten-Kommunikation. Wenn man viele verschiedene Schemata lernt, hat das nichts mit angewandter Medizin zu tun. Momentan spielt der Faktor Mensch im herkömmlichen Lernen eine zu geringe Rolle. Ein Beispiel: Bei uns im Studienhospital beobachte ich oft, dass Studierende fragen, ob sie sich zum Patienten auf die Bettkannte setzen oder stehen sollen. 

Und, sollte man?

Das kann man so eben nicht beantworten, es kommt drauf an! Die Kompetenz besteht darin, gelerntes Wissen für sich selbst zu reflektieren, anzuwenden und selbst einschätzen zu können, wann was richtig ist – und dementsprechend zu handeln.

Wie wird denn beim Flipped-Classroom-Konzept diese Kompetenz gefördert? Die Reihenfolge – erst Vorlesung, dann lernen – müsste dem Namen zufolge ja exakt anders herum sein. 

Genau. Zu Beginn gibt es ein Intro, eine kurze Einführung. Real oder anderweitig, als Podcast zum Beispiel. Wichtig ist, das Interesse zu wecken und Themen zu begrenzen. Dann folgt die Phase des Eigenstudiums. Und die muss gut vorbereitet sein, Lehrende dürfen die Studierenden nicht im Stich lassen! Sie sollten also beispielsweise Lehrbuchkapitel benennen oder Studien, E-Learning-Beispiele oder Blogs vorstellen. Wenn die Studierenden Fragen haben, können sie sich an den Dozenten wenden. Und dann kommt die Leistungsüberprüfung. Das kann die Klausur sein, aber beispielsweise auch ein mündliches Gespräch. 

Folgen auf das Eigenstudium reguläre Vorlesungen?

Selten. Viel mehr Praktika oder Seminare, geführte Gruppenarbeit im Wechsel, interaktive Kurzvorträge der Trainer, Kurzpräsentationen der Teilnehmenden von Aufgaben aus der Vorbereitungsphase und mehrfach kurze Diskussionsrunden mit Feedback durch die Trainer und Teilnehmerinnen. So wird das Wissen angewendet. Und das ist dann kompetenzorientierte Ausbildung. 

Ist dieses Konzept eine direkte Reaktion auf die Festlegung des Punktes »kompetenzorientierte Ausbildung« im Masterplan 2020?

Nein, wir haben schon sehr viel eher damit angefangen. Ein lieber Kollege von der Universität Yale hat mich vor vielen Jahren mit der Idee angefixt. Wir setzen das Konzept zum Beispiel in den Bereichen Neurologie oder Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde um. Allerdings muss man sagen, dass wir immer noch in der Testphase sind. Die Anwendung ist schließlich Frage der Kultur. Also: sowohl auf Seite der Lehrenden als auch auf Seite der Studierenden. Im Rahmen der Umsetzung des Masterplans werden wir unsere Ansätze aber wahrscheinlich entscheidend ausbauen.