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Praxisgestaltung

Gesundheit beginnt im Wartezimmer

Das Wartezimmer heißt nicht umsonst so: Im Schnitt warten deine Patientinnen und Patienten dort eine halbe Stunde, vielleicht auch mal länger. Gerade wenn sie Angst haben oder in Sorge sind, sollte die Atmosphäre dort positiv sein. Denn das wirkt sich nicht nur auf die Laune, sondern auch auf die gesundheitsfördernde Wirkung deiner Behandlung aus. Wir haben mit Prof. Rudolf Schricker darüber gesprochen, was das Warten angenehm macht. Der Innenarchitekt und Hochschullehrer hat sich in der Vergangenheit schon in Projektarbeiten der Hochschule Coburg mit dem Thema Innenarchitektur und Gesundheit befasst.

Eine Illustration zeigt drei Menschen, die im Wartezimmer einer Praxis warten. Sie sitzen alle nebeneinander auf einem Sofa und vermeiden Blickkontakt.
Im Wartezimmer der Praxis beginnt für deine Patientinnen und Patienten die Behandlung. Deshalb ist eine positive Atmosphäre so wichtig. ©Jan-Rasmus Handel

Lesedauer: 4 Minuten

Prof. Schricker, warum ist es wichtig, dass das Wartezimmer in einer Arztpraxis eine positive Atmosphäre ausstrahlt?

Bislang ordnen viele Menschen Wartezimmer in Arztpraxen meist den Räumen zu, in denen sie sich eher weniger gern aufhalten, oft unwohl fühlen. In Zeiten der Corona-Pandemie hat sich dieser Effekt noch verstärkt. 

Woher kommt das? 

Warteräume sind meist sehr zweckmäßig, effizient und nach gleichem Schema ausgestattet. Da gibt es wenig Schmückendes, sondern möglichst viele Sitzgelegenheiten auf kleinstem Raum. Dazu kommen oft eine monotone Beleuchtung, eine zu laute Raumakustik und schlechte Luftqualität. Wartende Menschen, zudem an Leib und Seele angeschlagen, fühlen sich in solch engen, nebeneinander oder gegenüber positionierten Sitzsituationen oft unbehaglich, einflusslos und beobachtet. Sie vertiefen sich krampfhaft in Smartphones und wollen Blickkontakt um jeden Preis vermeiden. 

 

Also fehlt ein Gefühl der Sicherheit?

Ja. Sterile, unpersönliche Raumatmosphären sind kaum in der Lage, das angekratzte Selbstwert- und Sicherheitsgefühl kranker Menschen zu stärken.  

Wie sollte ein Wartezimmer aussehen?

Wünschenswert sind Warteräume, die auf jeden Patienten und jede Patientin eingehen können und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter, Hintergrund oder Beeinträchtigung. 

Wie kann man das erreichen?

So wenig wie möglich Unveränderliches, so viel wie möglich Flexibilität. »Gesunde« Innenarchitektur ist stets zeitlos, weil human – sprich: veränderbar, lebendig, natürlich, den Erfordernissen stets anpassbar. 

Mit welchem Schwerpunkt?

Das Credo »Stress vermeiden« gilt in allen Belangen. Das funktioniert zum Beispiel durch Licht, das den Augen guttut und Helligkeit, die dort generiert wird, wo sie gefordert ist. Dunklere Schutzzonen und eine angenehme Raumakustik sowie regulierte Luftfeuchtigkeit schaffen eine angenehme Atmosphäre. Das Wichtigste aber ist die Verhaltensfreiheit der Patienten. In welcher Ecke mit welcher Ablenkung möchte ich warten, bin ich offen für Interaktion oder nicht. Die Menschen sollten stets eine Wahl haben.  

Was ist ein No-Go im Wartezimmer?

Sitzgelegenheiten, eng aneinandergereiht, gegenüberliegend positioniert in einem monotonen Schuhschachtelraum mit schlechter Belüftung. Warten auf dem »Präsentierteller« und das Gefühl schutzlosen Ausgeliefertseins erzeugen Stress und Angst. Bislang scheinen Flächenoptimierung und Nutzeffizienz als mathematische Größe das Image von Wartezimmern zu prägen. Unpersönlichkeit, Anonymität und Sterilität sind die Folge. Wartende Menschen fühlen sich häufig zu anspruchslosen Nummern degradiert, dabei könnte »die Zeit des Verweilens« durchaus Möglichkeiten von Selbstreflexion, Wahrnehmung und ungewohnter Erfahrung offerieren. »Endlich Zeit zu haben« ist ein seltenes Gut geworden, das in den meisten Wartezimmern ungenutzt verstreicht.  

Wenn ein Arzt oder eine Ärztin die Praxis nicht komplett umgestalten kann: Mit welchen Handgriffen lässt sich schon Veränderung erreichen? 

»Gesunde« Innenarchitektur beschreibt eine smarte und intelligente Raumumgebung in medizinisch relevanten Räumlichkeiten. Erkrankte Menschen erfahren hierbei den Raum als therapeutische Unterstützung, die zur schnelleren Genesung beitragen kann. Ziel ist es, Wohlfühlfaktoren und die damit einhergehende individuelle Anpassung des Raumes auf unterschiedlich kranke Menschen zu gewährleisten. Die Schaffung eines Naturbezugs im Raum sowie digitale Unterstützung können schnellere Regeneration und positive Stimulation herbeiführen. Biodynamische Beleuchtung, wie die aufgehende oder untergehende Sonne, Lichtvielfalt, aber auch Naturgeräusche, Naturdüfte, natürliche Materialien erhöhen Aufmerksamkeit, Ablenkung und Entspannung. Zonierung mit entsprechend diversen Licht- und Akustikatmosphären, deren Intensität und Qualität individuell veränderbar sind, bieten sinnliche Anreize für Identifikation und Sicherheit. Ängste werden eher ab- als aufgebaut. 

Beeinflusst das Wartezimmer bzw. das Gefühl, das die Patienten dort erleben, den Behandlungserfolg? 

Gesundheit, Genesung und Wohlbefinden werden nicht allein durch medizinische Errungenschaften und Behandlungen beeinflusst. Vielmehr sind sich Wissenschaftler und Ärzte einig, dass eine Vielzahl von Einflussfaktoren, unter anderem auch die Qualität der Räume und deren Wechselwirkung mit Menschen, zum Anwendungserfolg beitragen können. Unstrittig ist, dass Menschen schneller gesunden und länger gesund bleiben, wenn sie sich im Raum wohlfühlen. 

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