Digitale Hausarztpraxis

»Das Wort ›Digitalisierung‹ ist Teil des Problems«

In der Praxis ermöglichen digitale Prozesse ein angenehmeres Arbeiten, findet Sebastian Winckler. Der Allgemeinmediziner hat sich vor zweieinhalb Jahren in Damp in Schleswig-Holstein niedergelassen und plädiert für mehr digitalen Mut in der Ärzteschaft. 

Ein junger Arzt nutzt sein Tablet in einer digitalen Hausarztpraxis
Keine Angst vor Neuem: Digitale Prozesse erleichtern niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten den Arbeitsalltag. Bild: © iStock / fotostorm

Lesedauer: ca. 2 Minuten 

Herr Winckler, was ist in Ihrer Praxis digital?
Ich nutze so ziemlich jede Technik, die es gibt. Beispielsweise die digitale Laborüberweisung. Die gibt es seit 2017. Eine Vereinbarung zwischen der KBV und dem GKV-Spitzenverband (GKV-SV) hat es Arztpraxen ermöglicht, Laboraufträge rein digital und papierlos an das Labor zu übermitteln. Vorher musste man einen digitalen Auftrag erst ausdrucken und dann ins Labor geben, wo er wieder digitalisiert wurde. Das spart jetzt also schon viel Zeit. Ich versuche auch, meine Praxis papierlos zu halten. So bleibt mehr Zeit für die wichtigen Sachen, die Kommunikation mit den Patienten nämlich.

Trotzdem schöpft längst nicht jede Hausarztpraxis ihre digitalen Möglichkeiten aus. Woran liegt das?
Zum einen erstmal an der Gesetzeslage, am Datenschutz. In Dänemark ist es schon so, dass mehrere Ärzte alle mit der gleichen Patientenakte arbeiten. Das ist in Deutschland noch undenkbar. Zum anderen gibt es bei einigen Ärzten in Bezug auf Digitalisierungsthemen eine gewisse Grundträgheit, was die Umsetzung schwierig macht.

Weil zu wenige mitmachen?
Genau, die Masse ist noch nicht dabei. Es geht bei dem ganzen Thema ja um Vernetzung. Tools wie beispielsweise KV Connect sind zwar gut, aber sie müssen von mehreren genutzt werden. Sonst ist es so, als ob man im Freundeskreis der einzige ist, der WhatsApp nutzt. Es wird gerade eine Kommunikationsstruktur geschaffen, die aber nur eine Minderheit nutzt. Auch beim eArztbrief nimmt die KBV durchaus Geld in die Hand. Wenn man einen elektronischen Arztbrief versendet, bekommt man 28 Cent fürs Versenden und 27 fürs Empfangen. 

Im aktuellen Berufsmonitoring der Universität Trier wurden Medizinstudierende zu verschiedenen Themen befragt – auch zum Thema Digitalisierung. Sie selbst bewerteten ihre Kenntnisse in diesem Feld als ziemlich schlecht. Woran liegt das?
Ich glaube schon, dass das für Studierende eigentlich kein Problem ist. Diese ganzen Programme sind auch alle nicht so schwierig. Man braucht im Wesentlichen einen E-Mail-Provider, einen Browser und viel mehr ist es dann auch nicht. Ich bin 47 – wenn ich das hinbekomme, sollten die Jüngeren das auch schaffen. Das Wort »Digitalisierung« ist Teil des Problems.

Wieso das?
»Digitalisierung« ist so ein abstraktes Politikerwort, so wenig greifbar. Es sagt nichts darüber aus, was dadurch alles einfacher wird. Alleine schon die Papierlosigkeit. Gerade in der Niederlassung hat doch kaum jemand wirklich Lust, stundenlang Ziffern abzutippen und sich mit viel Verwaltungsarbeit herumzuschlagen. Was deutlich dadurch gewinnt, ist die Patientenkommunikation. Dafür braucht man Zeit. Es ist ja gerade die ganze Bürokratie, die soviel Zeit frisst und viele davon abhält, sich niederzulassen. 

Und dabei kann der Einsatz digitaler Technologien helfen?
Sie kann diesen Schmerz reduzieren, ja. Wenn man sich niederlässt, gibt es erst einmal viele Regelungen. Um damit umgehen zu können, sind Niederlassungsseminare wirklich hilfreich. Und eben digitale Anwendungen.  In einer digitalen Hausarztpraxis geht nochmal vieles einfacher. Ich kann jedem nur raten: einfach machen.