»Sich festlegen – das bedeutet auch Freiheit«
Facharztpraxis

»Sich festlegen – das bedeutet auch Freiheit«

»Eine eigene Praxis – das muss ja keine Hausarztpraxis sein«, sagt Isabel Ottlewski. Sie ist 25 Jahre alt, studiert Medizin in Leipzig und promoviert in der Nephrologie, der Nierenheilkunde. Sie kann sich gut vorstellen, später selbst eine Facharztpraxis zu führen. Gerade bei chronisch kranken Nierenpatienten sei der niedergelassene Arzt entscheidend, hat sie festgestellt.

Beim Lass-dich-nieder-Fotoshooting im Juni war Isabel im 8. Fachsemester. Im Sommer wird sie ihre Dissertation abschließen – als nächstes steht dann ein Forschungsaufenthalt in Harvard an. © Chris Noltekuhlmann

Isabel, was verbindest du mit der Niederlassung?

Zuerst dachte ich: Niederlassen ist wie Hausbauen. Das macht doch kaum jemand mehr in meiner Generation. Mittlerweile hat sich das geändert. Ich stehe für viele Studierende, die sich mit der Headline der Lass-dich-nieder-Kampagne identifizieren: »Lass ich mich wirklich nieder oder lass ich’s lieber sein?« Denn eigentlich ist es ja so: Obwohl man sich mit der Niederlassung festlegt, bedeutet die eigene Praxis auch Freiheit.

Wie nimmst du das in deinem Umfeld wahr?

Die Niederlassung ist als Ziel schon attraktiv. Ich glaube, man achtet heute wieder mehr auf die eigenen Bedürfnisse, die Work-Life-Balance ist wichtig. Generell denke ich, dass die eigene Praxis auch für Frauen eine gute Alternative ist. In der Forschung, wo ich gerade arbeite, und auch in den Unikliniken sind die Führungspositionen fast alle männlich besetzt. Das macht nachdenklich.

Was machst du aktuell?

Ich bin zurzeit in der Klinik, in der Maximalversorgung. Das ist wahnsinnig spannend, man sieht viel. Ich mache eine klinische Promotion in der Nephrologie, beschäftige mich mit der Genforschung zu Nierenerkrankungen und analysiere das Blut von Patienten, die auf der Warteliste für eine Nierentransplantation stehen. Forschung ist die Grundlage für Entscheidungen, die ich später als Ärztin treffen werde. Daher ist es für mich wichtig, das einmal selbst zu erleben und durchzuspielen. Ich habe dabei aber auch gemerkt, wie sehr ich das schätze: sich wirklich auf die Patienten einlassen zu können.

Wie meinst du das?

Bei meinen Befragungen war es mir wichtig, die Patienten kennenzulernen. Obwohl ich die Antworten oft schnell beisammen hatte, habe ich mir oft eine Stunde deren Geschichten angehört. Und: Gerade bei chronisch kranken Nierenpatienten ist der niedergelassene Arzt entscheidend. Dreimal die Woche, und das über Jahre, kommen die Patienten zur Dialyse. Das schränkt das Leben sehr ein. Trotzdem ist da bei vielen Patienten ein großer Lebensmut – auch wegen der guten Betreuung.

Was nimmst du aus dem Klinikalltag mit?

Das Arbeiten ist intensiv, das Interagieren mit anderen ist aufregend. Längere Zeit dort zu sein, ist sicher auch fachlich herausfordernd. Selbst wenn man später als Nephrologin in einer kleineren Praxis arbeitet, ist es gut, multimorbide Patienten gesehen zu haben und diese schweren Fälle zu kennen.

Hast du auch schon Praxiserfahrung gesammelt?

An dem Tag, als ich mich für das Shooting beworben habe, hatte ich gerade Prüfung in der Allgemeinmedizin. Fürs Blockpraktikum war ich in einer internistischen Praxis. Die Ärztin dort hat sich Zeit genommen, hat mit mir auch mal einen Ultraschall gemacht. Das kann sie auch, weil sie eigenverantwortlich arbeitet und sich die Zeit selbst einteilt. Das hat mir gefallen.

Wenn du dich später niederlässt: Wie sähe dann dein Berufsumfeld aus?

In diesem Fall sehe ich mich in einer Praxisgemeinschaft in der Stadt, zusammen mit anderen Fachärzten. Ich bin einfach ein Stadtkind. Ich finde es wichtig, noch einmal in Erinnerung zu rufen: Niederlassung ist nicht gleich Landarzt. Und Niederlassung ist nicht gleich Hausarzt.

Was spricht dich an der Niederlassung besonders an?

In der Praxis kann man auch schon als junge Ärztin Verantwortung übernehmen. Das ist für mich positiv besetzt, denn es bedeutet, einen Spielraum zu haben und sich den Tag selbst strukturieren zu können, wenn ein Patient Beistand braucht.