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Lesedauer: 5 Minuten

 Es ist kurz vor Feierabend, das Wartezimmer war den ganzen Tag voll. Eine Medizinische Fachangestellte kommt zu dir und sagt leise: »Ich glaube, ich habe einem Patienten fast das falsche Präparat mitgegeben.« Nichts ist passiert, sie hat es rechtzeitig gemerkt. Was tust du in diesem Moment? Wie du auf diesen Satz reagierst, entscheidet auch über die Sicherheit in deiner Praxis.

Die meisten Fehler stecken im Ablauf

Wenn ein Fehler passiert, ist häufig der erste Reflex zu fragen »Wer war das?«. Das ist menschlich, hilft aber nicht weiter. Viele Zwischenfälle passieren nicht, weil jemand unfähig ist, sondern häufig, weil das System Lücken hat: Zeitdruck, ein unklarer Ablauf, eine Übergabe zwischen Tür und Angel. Das ist eine gute Nachricht, denn an einem Ablauf kann man gemeinsam arbeiten.

Diese Haltung ist nicht bloß nett gemeint, sie ist Vorschrift. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) – oberstes Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung – verlangt von jeder Praxis ein systematisches Fehler- und Risikomanagement. Auch ein anonymes Fehlermeldesystem gehört verpflichtend dazu.

Aber keine Sorge: Wie umfangreich das ausfällt, kannst du an deine Praxis anpassen. Eine Einzelpraxis braucht etwas Schlankeres als ein großes Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ).

Was Fehlermanagement bedeutet

Fehlermanagement ist keine Raketenwissenschaft. Es geht vielmehr darum, Fehler früh zu erkennen, zu verstehen, woran es lag, und dafür zu sorgen, dass es nicht wieder passiert. Zum bewussten Umgang mit Fehlern gehören unter anderem die Fehlersuche, Fehleranalyse und Fehlervermeidung.

Besonders wertvoll sind die Beinahe-Fehler. Da ist niemand zu Schaden gekommen, und trotzdem lernst du genau das, was nächstes Mal jemanden schützen kann.

Worauf es im Kern ankommt

Drei Dinge tragen zu einer guten Fehlerkultur bei:

  • Wissen: Die Methoden kennen und nicht in der Schublade verstauben lassen.
  • Können: Zeit und Raum geben, damit das Team sie auch nutzt.
  • Wollen: Die echte Überzeugung haben, dass Sicherheit allen hilft.

Das Wichtigste steht aber nicht in der Richtlinie: Eine offene Fehlerkultur lebt von Gegenseitigkeit. Wenn du als Inhaber:in selbst sagen kannst »Das ist mir auch schon passiert«, traut sich das Team, ehrlich zu sein. In einer Angstkultur werden Fehler deutlich seltener offen gemeldet.

CIRS: gemeinsam lernen, ohne an den Pranger zu stellen

CIRS klingt technisch, ist aber im Grunde ein anonymer Kummerkasten fürs Lernen für Praxisinhaber:innen. Die Abkürzung steht für Critical Incident Reporting System: ein Meldesystem für kritische Ereignisse. Wer einen Fehler oder einen Beinahe-Fehler bemerkt, kann ihn freiwillig und anonym melden ohne Angst vor Konsequenzen. Solche Meldungen werden nicht abgeheftet, sondern systematisch besprochen. Das Team überlegt gemeinsam, was sich ändern muss, setzt diese Schritte um und schaut später nach, ob sie etwas gebracht haben. Das Prinzip dahinter: gemeinsam aus Fehlern lernen, auch aus denen der anderen.

Du musst das Rad nicht neu erfinden. Bewährte, von der Ärzteschaft getragene Systeme gibt es schon:

  • Das System »Jeder Fehler zählt«: gemacht für Hausarztpraxen, mit Themen wie Medikation, Impfen und Patientenidentifikation.
  • CIRSmedical: einrichtungsübergreifend, für den ambulanten und stationären Bereich.

Deine nächsten Schritte zur guten Fehlerkultur

  • Schaue, wo du stehst: Viele Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) bieten Qualitätsmanagement-Beratung (QM-Beratung), Vorlagen oder Selbstbewertungsinstrumente an; prüfe hier das Angebot deiner KV.
  • Wähle ein CIRS aus: passend zur Praxisgröße, intern oder einrichtungsübergreifend.
  • Plane feste Teamsitzungen ein: regelmäßig, zum offenen Aufarbeiten ohne Schuldzuweisung.
  • Erstelle eine Checkliste für heikle Abläufe: etwa Medikation, Rezepte, Patientenidentifikation.
  • Denke an dein Team: vorher klären, wer auffängt, wenn doch einmal etwas Schwerwiegendes passiert.

 

Häufige Fragen zur Fehlerkultur

Brauche ich wirklich ein Fehlermeldesystem für meine Praxis?

Ja. Die QM-Richtlinie des G-BA verlangt ein systematisches Fehler- und Risikomanagement, ein anonymes Meldesystem gehört dazu. Du kannst es an deine Bedürfnisse in der Praxis anpassen.

Welches CIRS ist das richtige für mich?

Du darfst frei wählen. Für Hausarztpraxen ist »Jeder Fehler zählt« eine gute Adresse, einrichtungsübergreifend bietet sich CIRSmedical an. Ein rein praxisinternes System reicht ebenfalls.

Bringt so ein anonymer Kasten etwas?

Ja, absolut. Das abgeschlossene CIRSforte-Projekt zeigt gut, was sich verändert: Das Sicherheitsklima in den Praxen wurde merklich besser. Die Teams lernten, kritische Situationen früher zu erkennen und ihnen vorzubeugen. Vorfälle wurden nicht mehr nur registriert, sondern strukturiert besprochen und mit der Zeit wurden auch die Meldungen selbst aussagekräftiger.

Was, wenn tatsächlich etwas passiert ist und ein Patient oder eine Patientin zu Schaden kam

Ruhig und sachlich aufarbeiten: erst die Ursache klären, dann Lösungen finden. Zuhören und menschliches Bedauern sind wichtig; bei rechtlich sensiblen Formulierungen hole dir früh fachkundigen Rat.

Wie spreche ich konstruktiv einen Fehler an?

Rede über die Handlung, nicht über die Person. Lasse Formulierungen mit »immer« und »nie« weg, zeige, dass du deinem Teammitglied zutraust, es zu können, und legt gemeinsam fest, wie die Abläufe zukünftig aussehen können, um Fehler zu vermeiden.

Wo bekomme ich Hilfe und Material?

Viele Kassenärztliche Vereinigungen bieten QM-Beratung, Vorlagen oder Selbstbewertungsinstrumente an; die konkreten Angebote unterscheiden sich regional. 

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