Rückblick

Zehn Jahre später: eine persönliche Zeitreise

Zehn Jahre. Eine lange Zeit, in der sich die Welt verändert. Welche Ziele hatte ich damals? Und was hat mich besonders geprägt? Diese Fragen haben sich Medizinstudentin Annika und Assistenzärztin Jona gestellt. Zehn Jahre im Zeitraffer.

Von der Abiturientin zur Assistenzärztin: In den vergangenen zehn Jahren hat sich Jona in die Welt der Medizin eingearbeitet und ihre eigene fachliche Persönlichkeit entwickelt. © privat/Chris Noltekuhlmann

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»Das Gefühl für die Situation ist immens wichtig«

Jona war damals 17 und steckte mitten in den Abiturvorbereitungen. Ein Medizinstudium? »Hatte ich damals noch gar nicht im Kopf«, erzählt Jona heute. Ihr Umfeld sah das jedoch anders. »Ich habe immer wieder gehört, das würde zu mir passen.« Jona nahm lieber erst einen kleinen Umweg über die Psychologie. »Das erschien mir damals machbarer«, erzählt die 27-Jährige. Denn sie hatte stets gehört, wie fordernd das Medizinstudium sei. Das viele Lernen, der große Druck. »Ich habe mir das einfach nicht zugetraut.« Doch die Faszination blieb und nach einem Semester Psychologie sattelte sie um – eine wegweisende Entscheidung, wie sich zeigen sollte. Denn Jona lernte in ihrem Studium nicht nur die Welt der Medizin und ihren heutigen Ehemann Marcus kennen. Sie verstand es auch mehr und mehr, ihre Kräfte einzuteilen, sich mit ihren individuellen Stärken durchzusetzen und ihre eigene fachliche Persönlichkeit zu entwickeln. 

Eine wichtige Erkenntnis der letzten Jahre: »Man kann nicht mit jedem gleich sprechen. Das Gefühl für die Situation ist in unserem Beruf immens wichtig.« Im Umgang mit den Kollegen, aber vor allem im Gespräch mit dem Patienten. »Eine Gallenblasentfernung beispielsweise ist für uns Routine«, sagt Jona. »Aber für den Patienten selbst ist das alles andere als alltäglich.«  Da braucht es keinen medizinischen Vortrag, sondern Empathie und Feingefühl. »Der Mensch muss verstehen und verarbeiten, was da gerade passiert.« Doch gerade auf die Patientenkommunikation werde man im Studium nicht ausreichend vorbereitet. »Spätestens in den Blockpraktika merkt man das deutlich.«

Und auch, dass man als Frau im Klinikbetrieb noch eine Zusatzaufgabe hat: als Ärztin wahr- und ernst genommen zu werden. »Als junge Ärztin ist man für die Patienten grundsätzlich immer erstmal die Schwester«, sagt Jona. Auch hier war die Kommunikation für sie ein wichtiger Hebel. »Ich habe mir im Gespräch eine gewisse Ernsthaftigkeit angeeignet«, erzählt sie lachend. »Das strahlt offenbar mehr Kompetenz aus.« Aktuell arbeitet Jona im zweiten Jahr als Assistenzärztin im Krankenhaus, Abteilung für Innere Medizin. Was in den weiteren zehn Jahren passiert? »Auf jeden Fall möchte ich mich nach meinem Facharzt in Allgemeinmedizin als Hausärztin niederlassen und mit meinem Mann eine gemeinsame Praxis gründen. Alles andere wird man sehen.«

»Ich will vor allem eines: eine gute Ärztin werden«

Annika war vor zehn Jahren 14. Nicht unbedingt das Alter für konkrete Zukunftspläne. Die Initialzündung kam zwei Jahre später mit einer Facharbeit über Leukämie. »Das hat mich total fasziniert«, erzählt die Medizinstudentin im Rückblick. Doch auch Annika fasste zunächst einen Plan B: Medizin ist zu schwer, deshalb besser ein Biologiestudium. Obwohl sie in der Schule zu den Besten zählte, traute sie sich ein Medizinstudium schlichtweg nicht zu. Wäre sie nicht aus Neugier mit einer Freundin zu einem Tag der offenen Tür in ein Krankenhaus gefahren, wäre sie heute vermutlich Biologin. 

Doch der Chefarzt der dortigen Chirurgie lud sie in sein Büro ein. »Er hörte uns zu und machte uns Mut.« Seine Botschaft: Wenn man das will, dann schafft man das auch. Worte, die Annikas Weg prägen sollten. Sie entschied sich fürs Medizinstudium – und musste lernen, mit Rückschlägen umzugehen. Denn die Vorklinik verlangte ihr viel ab. »Die neue Welt der Uni, mein erster eigener Haushalt und das krasse Lernpensum – das alles erschlug mich.« Beim Testat: durchgefallen. Und auch die folgenden Semester hielten für sie einige Hochs, aber auch Tiefs bereit. Für die einstige Einserschülerin eine neue, aber wertvolle Erfahrung.

Denn genau diese Rückschläge waren es, die Annikas Perspektive bis heute verändert haben. »Ich habe etwas Wichtiges gelernt: mit Misserfolg umzugehen. Dass ich nicht immer zu den Besten zählen muss.« Eine Erkenntnis, die auch maßgeblich für ihr berufliches Selbstverständnis werden sollte. »Mir ist mittlerweile klar, dass ich nicht Karriere machen muss. Ich will vor allem eines: eine gute Ärztin werden.« Und dies in der Unfallchirurgie. Annika studiert gerade im 9. Semester, ihr zweites Staatsexamen ist schon in Sicht. Der Zukunftsplan der 24-Jährigen: eine Praxisgemeinschaft mit zwei bis drei OP-Tagen. Mit einem festen Patientenstamm und einem klaren Ziel: »meinen Patienten zu helfen.«