Frauen in der Medizin

»Es war nicht leicht, aber ich würde es wieder tun.«

Als junge Ärztin eine Praxis zu übernehmen und zu führen ist schon eine Herausforderung. Während der Schwangerschaft noch dazu eine Besondere. Dr. Kerstin Hackmann aus Recke hat sie angenommen und gemeistert.  

Dr. Kerstin Hackmann sitzt am Empfang ihrer Praxis und hält ihren kleinen Sohn auf dem Arm.
Als niedergelassene Ärztin mit eigener Praxis kann Dr. Kerstin Hackmann Sprechzeiten so organisieren, dass ihr ausreichend Zeit für ihren kleinen Sohn Theo bleibt. © Stefan Tempes


Lesedauer: 4 Minuten 

Sie sind Hausärztin und Mutter. Wie kamen Sie auf die Idee, eine eigene Praxis auf dem Land zu übernehmen?
Ich habe sieben Jahre lang in einer Klinik gearbeitet und meinen Facharzt für die Innere abgeschlossen. Doch es gab immer wieder Gerüchte, dass das Krankenhaus geschlossen werden soll. Daher habe ich Kontakt zu einem niedergelassenen Arzt aufgenommen, der seine Praxis abgeben wollte. Ich habe dort – während ich noch in der Klinik beschäftigt war – eine gewisse Zeit hospitiert und mir die Praxis angesehen. 

 

Und letztlich haben Sie sich zur Übernahme entschlossen.
Nach einem kleinen Umweg, ja. Ich bin mit dem Kollegen, der seine Praxis aufgeben wollte, im Gespräch geblieben. Eines Tages rief er mich an – und zwar zu dem Zeitpunkt, als das Krankenhaus tatsächlich geschlossen hat. Er fragte, ob ich nicht einsteigen möchte. Das kam mir natürlich zu diesem Zeitpunkt entgegen und ich sagte ja. 

 

Welche Rolle spielte der Klinikalltag bei Ihrer Entscheidung?
Das war natürlich auch ein Grund. Die Arbeitszeiten in der Klinik waren sehr hart. Es kam nicht selten vor, dass ich zu Hause in der Tür stand, das Handy klingelte und ich sofort wieder zum Krankenhaus fahren musste.

 

Wie haben Sie sich organisiert?
Wir waren zunächst eine Gemeinschaftspraxis, mein Kollege übernahm den Hauptanteil und die Hauptverantwortung. Ich empfand das als sehr positiv, denn der Schritt von der sehr technischen Dialyse-Abteilung der Klinik in die Allgemeinmedizin war groß. So konnte ich mich herantasten. Im Januar 2017 wurde es meine Praxis, mit meinem Kollegen in der Anstellung – wir haben sozusagen die Rollen getauscht.

 

Welche Rolle spielte die Familienplanung bei der Niederlassung?
Mein Mann und ich haben zunächst das Thema Familienplanung hinausgezögert, weil wir nicht abschätzen konnten, wie schnell das mit der eigenen Praxis geht. Aber als sich die Gelegenheit mit dem Einstieg ergab, haben wir den Schritt gewagt. Wir wollten die Chance nutzen. Und dann wurde ich schwanger. 

 

Wie haben Sie dann die Praxis organisiert?
Es war nicht einfach. Meinem Mann und mir war klar, dass ich mich nicht 12 Monate aus der Praxis herausnehmen kann, wenn das Kind kommt. Ich habe schließlich drei Monate nach der Geburt pausiert. Wäre ich deutlich länger fortgeblieben, hätten mein Kollege und ich vielleicht einen Teil unseres Patientenstamms verloren. Es ist zwar theoretisch möglich, die Praxis ganz ruhen zu lassen und den Sitz zu behalten. Das kam aber für uns aus finanzieller Sicht nicht infrage.

 

Wer hat Ihnen unter die Arme gegriffen?
Mein Kollege hat mich in dieser Situation stark unterstützt. Er wollte eigentlich früher aussteigen und in Rente gehen, hat diesen Plan aber meinetwegen aufgeschoben und in der Zeit gemeinsam mit meiner Vertretung die Praxis weitergeführt. Er hätte sogar die Praxis alleine weiter gemanagt. Die Vertretersuche war eine ganz besondere Herausforderung für uns. 

 

Was genau war schwierig daran, einen Vertreter zu finden?
Die Suche war aufwendig und ich hätte mir dabei mehr Unterstützung gewünscht. Zudem haben sich mögliche Vertreter erst spät gemeldet. Im November war der Entbindungstermin, Ende September gab es erst einige Rückmeldungen. Es hat zwar alles geklappt, es war aber zeitlich sehr knapp. 

 

Wie organisieren Sie heute Ihren Praxisalltag und Ihr Mutterdasein?
Ich möchte erst einmal den jungen Ärztinnen Mut machen. Es ist eine Herausforderung zu wissen, dass ich mit einer eigenen Praxis nicht einfach ein Jahr in Elternzeit gehen kann. Das war auch für mich anfangs schwierig. Aber wir haben eine gute Lösung mithilfe einer Tagesmutter gefunden. Und wäre ich in der Klinik geblieben, hätte ich dort meine 70-Stunden-Woche geleistet, dazu kämen sicher noch ein bis zwei 24-Stunden-Dienste. Ich hätte meinen Sohn definitiv weniger gesehen als heute mit eigener Praxis. 

 

Sie haben mehr Freiheiten?
Richtig. Ich habe meine Praxissprechzeiten in Absprache mit der Tagesmutter flexibel umgestaltet: Ich halte mir drei Mal in der Woche den Nachmittag für meinen Sohn frei und auch die Wochenenden gehören ganz der Familie. Mein Sohn hat auf diese Art und Weise mehr von mir. In der Anstellung wäre das sicher anders gewesen.

 

Wie bewerten Sie Ihren Schritt?
Ich würde es wieder machen – auch, wenn es nicht leicht war. Ich möchte gern für andere Frauen in der Situation Lösungen aufzeigen. Für den Einstieg ist eine Gemeinschaftspraxis mit Übernahmefunktion oder eine Anstellung hilfreich, weil man sich so an das Patientenklientel und die Abläufe gewöhnen kann. Die Patienten zu kennen, ist in der Hausarztpraxis das A und O. Welcher Weg der richtige ist, muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich beinahe alles vertraglich regeln lässt. 

 

Und der Wechsel in die Allgemeinmedizin war für Sie der richtige? 
Ich möchte eine Lanze für die Allgemeinmedizin brechen. Noch immer hält sich das Gerücht unter den Kollegen, dass ein Hausarzt nur den Blutdruck misst. Aber ich muss sagen, ich habe selten auf einem so breitgefächerten Gebiet gearbeitet wie jetzt. Es ist unglaublich interessant und als Hausärztin hast du vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten. Kurzum: Meine Entscheidung dafür war richtig.