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Was ist der Gender Health Gap?

Der Gender Health Gap beschreibt strukturelle Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung, die auf dem biologischen und sozialen Geschlecht beruhen. Jahrzehntelang wurden Studien, Medikamente und Leitlinien vor allem an männlichen Probanden entwickelt. Frauen, nicht-binäre und trans Personen sind in der medizinischen Forschung und Versorgung unterrepräsentiert. Das führt dazu, dass Symptome, Krankheitsverläufe und Therapien mitunter nicht passgenau sind – dies hat teils gravierende Folgen für die Gesundheit.

Wie wirkt sich der Gender Health Gap aus?

Der Gender Health Gap ist also ein strukturelles Problem. Lange Zeit gab es für Ärzt:innen keine bzw. keine ausreichende Datenlage, auf dessen Basis sie Mann und Frau geschlechtsspezifisch behandeln konnten. Auch entsprechende Inhalte in der medizinischen Ausbildung fehlten.

Dabei haben Frauen beispielsweise ein höheres Risiko für Autoimmunerkrankungen, Männer häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch Symptome werden oft falsch interpretiert: Der klassische Herzinfarkt – Schmerzen im linken Arm und Engegefühl – trifft vor allem auf Männer zu. Bei Frauen äußert sich ein Infarkt oft durch Übelkeit, Rückenschmerzen oder Kurzatmigkeit. Solche Unterschiede wurden lange übersehen, weil Daten fehlten. Auch Medikamente sind häufig für den männlichen Stoffwechsel dosiert, was bei Frauen zu Überdosierungen oder Nebenwirkungen führen kann, beispielsweise bei Schlafmedikamenten. Das Schlafmittel Zolpidem wirkt bei Frauen und Männern unterschiedlich. Frauen bauen den Wirkstoff langsamer ab, sodass das Medikament bei ihnen oft noch am nächsten Tag wirkt. Trotzdem bekamen lange Zeit alle die gleiche Dosis von zehn Milligramm, egal ob Mann oder Frau. Das führte zu vielen Problemen und Zwischenfällen, deshalb wurde Zolpidem zunächst vom Markt genommen. Heute dürfen Frauen das Mittel wieder einnehmen, aber nur noch in einer niedrigeren Dosis von fünf Milligramm.

Doch nicht nur Frauen sind betroffen: Männer erhalten bei »Frauenkrankheiten« wie Osteoporose oder Depressionen oft keine adäquate Diagnose, weil Symptome anders bewertet werden. Bei Männern zeigen sich Depressionen zum Beispiel häufiger durch Wut oder Risikoverhalten – das bleibt vielmals unerkannt.

Warum gibt es den Gender Health Gap überhaupt?

Die Ursachen liegen in der Geschichte der Medizin. Lange galten Frauen als »kleine Männer« und körperliche Unterschiede wurden ignoriert. Es wurde nicht berücksichtigt, dass Frauen hormonell anders funktionieren als Männer, die Verteilung von Fett und Muskeln in ihrem Körper abweicht oder es Unterschiede gibt bei Mechanismen von Nervensystem, Leber und Niere.
In Tierversuchen und klinischen Studien werden bis heute überwiegend männliche Tiere und Probanden eingesetzt. Denn Zyklus, Schwangerschaft und Menopause erschweren die Vergleichbarkeit und werden deshalb oft ausgeklammert. Erst seit den 1990er-Jahren gibt es internationale Vorgaben, Frauen in Studien einzubeziehen. Trotzdem bleibt der Gender Data Gap groß: Noch immer werden viele Medikamente und Therapien nicht ausreichend geschlechtsspezifisch getestet.

Was bedeutet das für die Praxis?

Gendersensible Medizin ist kein »Nice-to-have«, sondern essenziell für die Patient:innensicherheit. Es ist sinnvoll, Symptome nicht vorschnell zu deuten, sondern geschlechtsspezifische Unterschiede zu kennen, etwa bei Herzinfarkt, Depression oder Dosierung von Medikamenten. 
Informiere dich am besten regelmäßig über aktuelle Forschung und nutze Fortbildungen zur Gendermedizin. Sensibilisiere auch Patient:innen dafür, dass viele Gesundheitsinformationen auf den männlichen Körper zugeschnitten sind. Das hilft bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung.

Wie kannst du als Mediziner:in zur Schließung des Gaps beitragen?

  • Erkenne und hinterfrage eigene Vorannahmen: Symptome und Krankheitsverläufe können je nach Geschlecht unterschiedlich sein.
  • Nutze gendersensible Anamnesebögen und beachte individuelle Lebensrealitäten.
  • Informiere dich über genderspezifische Leitlinien und nimm an Weiterbildungen teil.
  • Setze dich für mehr geschlechtsspezifische Forschung ein, etwa durch Studienbeteiligung oder eigene Projekte.
  • Sprich offen mit Patient:innen über den Gender Health Gap – das stärkt das Vertrauen und fördert eine partnerschaftliche Behandlung.

Der Gender Health Gap ist mehr als ein Forschungsthema – er betrifft den Versorgungsalltag. Wer gendersensibel behandelt, erkennt Symptome früher, therapiert gezielter und verbessert die Lebensqualität aller Patient:innen.
 

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