Der schönste Beruf der Welt
Praxisbericht

»Der schönste Beruf der Welt«

Wenn die Zeit des Ruhestands naht, sind viele Ärzte besorgt: Was wird aus meiner Praxis, was wird aus meinen Patienten? Dr. Christiane Worm aus Greifswald hat diese Sorgen nicht – sie übergibt die Praxis an eine Ärztin, die sie schon seit zwei Jahren kennt.

Dr. Christiane Worm (rechts) und ihre designierte Nachfolgerin Julia Schütze (links) beim Infotag an der Berliner Charité am 19. November 2015.

Dr. Christiane Worm aus Greifswald ist Ärztin aus Leidenschaft. Sie versprüht gute Laune und liebt ihren Beruf von Herzen – das durften wir bei einem Interview im Rahmen unseres Infotags am 19. November 2015 in Berlin erleben. Dass es ihr heute so gut geht, liegt nicht nur daran, dass sie ihren Beruf seit 36 Jahren mit Freude und Engagement ausübt, sondern auch daran, dass sie sich keine Sorgen um den Fortbestand ihrer Praxis machen muss, wenn sie mit 65 Jahren in den Ruhestand geht.

Nach ihrer Approbation im Jahr 1979 arbeitete sie zunächst in einer Klinik als Anästhesistin und wurde später Leiterin einer Poliklinik. Dann kamen die Wendejahre – Christiane Worm nutzte die Gunst der Stunde, um noch einmal völlig von vorne anzufangen. Sie ließ sich 1991 mit einer eigenen Praxis nieder.

Fünf Jahre später – sie hatte inzwischen mehr als reichlich zu tun – beschloss sie, aus der Einzelpraxis eine Gemeinschaftspraxis zu machen. Sie praktiziert zurzeit mit einem Kollegen; ein Modell, das den Patienten Kontinuität schenkt und ihr viel Flexibilität gestattet: »Ich bin wirklich ein ausgesprochener Verfechter der Gemeinschaftspraxis. Sie können sich nicht nur fachlich miteinander abgleichen, sondern Sie haben auch im Urlaub wirklich ein gutes Gewissen, weil immer jemand für die Patienten da ist.« Doch auch einen weiteren Vorteil gibt es: Wenn man sich die administrative Arbeit teilt und dann noch über ein gutes Praxisteam verfügt, bleibt besonders viel Zeit für die Patienten. Mehr als 90 Prozent ihrer Zeit, sagt Christiane Worm, verbringt sie wirklich an ihren Patienten. »Der Rest ist Schreibarbeit.«

Gut geplanter Übergang

Es läuft also gut in der Praxis von Christiane Worm. Umso wichtiger ist es ihr, den bevorstehenden Ruhestand genau zu planen. Und da kam ihr der Zufall zu Hilfe – in Form der jungen Ärztin Julia Schütze, die zwischen den Jahren 2012 und 2013 vier Monate als Ausbildungsassistentin im PJ bei ihr verbrachte: »Frau Schütze ist mir von Anfang an positiv aufgefallen – durch ihre Menschlichkeit, durch ihren guten Umgang mit den Patienten und auch durch ihren Einsatz und ihr Engagement. Und mit meinem Praxisteam hat sie sich auch schnell sehr gut verstanden.«

Schnell war beiden Ärztinnen klar, dass sie gut harmonieren und vertrauensvoll miteinander arbeiten können. Und da auch der Praxispartner von Christiane Worm einverstanden war, war der Plan geboren, die Praxis später einmal an Julia Schütze zu übergeben und die zuständige KV konsultiert. Julia Schütze: »Ich wusste schon nach der Grundschule, dass ich Ärztin werden will. Und mir war auch früh klar, dass ich eine eigene Praxis haben möchte. Meine Zeit in der Gemeinschaftspraxis bei Frau Dr. Worm hat mir dann klar gezeigt, dass das genau das richtige für mich ist.«

Derzeit absolviert Julia Schütze noch in einem Kreiskrankenhaus in Demmin, knapp 40 Kilometer von Greifswald entfernt, ihre Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin. Die Arbeit in der Klinik findet sie spannend und herausfordernd, doch sie sieht auch die Schattenseiten: »Ich glaube, langfristig kann das Arbeiten in der Klinik doch auch ganz schön schlauchen. Mich hat die Zeit bei Frau Dr. Worm sehr geprägt – denn ich habe in ihrer Praxis sehen können, dass man das tatsächlich richtig gut schaffen kann: Ein Leben lang als niedergelassene Ärztin, mit Zeit für die Patienten und jeden Tag Freude an der Arbeit.« 

Im Jahr 2019 wird Schütze ihre Facharztprüfung ablegen. In der Folgezeit möchten beide Ärztinnen in einer Art Job-Sharing zunächst noch gemeinsam in ihrer Praxis arbeiten – spätestens zu ihrem 65. Lebensjahr soll die Praxis dann an die Nachfolgerin übergehen.

»Die Finanzen? Das kriegen wir hin!«

Auch die finanziellen Fragen sind schon geklärt – auf eine geradezu hanseatisch-gelassene Art: Christiane Worm ließ den Wert der Praxis von ihrem Steuerberater schätzen, Julia Schütze wird sie zum Zeitpunkt der Übergabe auszahlen – ob auf einen Schlag oder über eine Art Rentenvereinbarung, das wird sich noch zeigen: »Da machen wir uns beide gar keine Sorgen, da werden wir schon einen Weg finden«, sagen sie übereinstimmend.

Eine solche Praxisübernahme bringt allen Beteiligten, aber auch den Patienten nur Vorteile, da sind beide einig. Christiane Worm: »Mir war es beispielsweise wichtig, dass eine Frau die Praxis übernimmt. Damit haben wir in der Praxis eine Frau und einen Mann und können auch in Zukunft da, wo es erforderlich ist, geschlechterspezifisch behandeln. Außerdem können meine Patienten Frau Schütze durch unsere lange Übergabezeit wirklich in aller Ruhe kennenlernen.« Überhaupt liegt ihr das Soziale besonders am Herzen: »Schon jetzt ist Frau Schütze bei allen Betriebsfeiern oder Ausflügen dabei, mir ist wichtig, dass sie auch die typisch weibliche Art, eine Praxis zu führen, kennenlernt und in die Zukunft tragen wird.«

Die Menschlichkeit zählt, nicht die Stunden

Auf die Frage, was Dr. Worm als Leitsatz an ihre Nachfolgerin – aber auch an junge Mediziner generell – weitergeben möchte, antwortet sie ohne zu überlegen: »Menschlichkeit zählt. Wir haben immer noch einen der schönsten Berufe der Welt. Ich arbeite zwar viel, aber nicht übermenschlich viel – und ich zähle die Stunden nicht. Der Dienst am Patienten ist beglückend! Wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte, ich würde alles genau so wieder machen.«

Eine weitere, wichtige Angelegenheit ist übrigens auch schon geklärt: »Julia wird natürlich meine Hausärztin, wenn ich im Ruhestand bin«, sagt Dr. Worm lachend.