Patenprogramm

»Meine Kommilitonen finden Neurochirurgie spannend. Und ich werde Landärztin.«

Mein Pate und ich: Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen fördert Patenschaften zwischen Studierenden und niedergelassenen Ärzten. Ann-Kathrin Wohlfahrt studiert im vierten Semester Medizin in Göttingen. Ihre Patenschaft mit dem Hausarzt Dr. Thomas Carl Stiller besteht seit eineinhalb Jahren. Im Doppelinterview berichten sie über die Möglichkeiten, die dieses Patenmodell für die berufliche Orientierung gibt.

Dr. Thomas Carl Stiller und Ann-Kathrin Wohlfahrt

Frau Wohlfahrt, warum nehmen Sie am Patenprogramm teil?
Wohlfahrt: Meine Eltern sind keine Ärzte und in meinem Umfeld ist ebenfalls niemand Arzt oder Ärztin. Wenn man Kontakt zu einem Paten hat, sieht man, wohin das Ganze mal führen kann. Das finde ich schon jetzt im Studium hilfreich. Ich nehme seit Januar vorigen Jahres am Programm teil. Herrn Dr. Stiller habe ich mir als Paten ausgesucht, weil er sich beim Internetauftritt seiner Praxis als Arzt für die ganze Familie präsentiert. Und so habe ich ihn auch erlebt, als ich bei ihm hospitiert habe.

Herr Dr. Stiller, was möchten Sie Ihrer Paten-Studierenden als Mentor vermitteln?
Dr. Stiller: Ich finde, die Niederlassung ist immer noch ein Privileg. Es ist etwas Anderes, ob ich eine Stunde länger für mich selbst arbeite oder für einen Träger, der mir keine Freiheiten lässt. Man ist privilegiert, wenn man seinen eigenen Stil entwickeln und seine eigene Welt der Medizin entwerfen und umsetzen kann. Dieses Gefühl, mit seinem Team im eigenen Laden zu sein, das ist schon ein bisschen wie die eigene Band. Was ich Frau Wohlfahrt gerne weitergeben möchte, ist dieses Bewusstsein, dass es ein Privileg ist und dass die Arbeit sehr erfüllend sein kann.

Welche Eindrücke vom Praxisalltag haben Sie bei Ihrer Hospitation gewonnen?
Wohlfahrt: Herr Stiller hat sich wirklich viel Zeit für mich genommen. Bei der Patientenbehandlung hat er mich als jüngere angehende Kollegin vorgestellt und die Patienten gefragt, ob es in Ordnung sei, wenn er mehr über sie und ihre Krankengeschichte erzähle. Was mich beeindruckt hat, war die Eigenverantwortlichkeit. Das ist etwas, das mir sehr wichtig ist: selbstbestimmt Dinge entscheiden zu können. In der eigenen Praxis hat man eine große Flexibilität, das erleichtert auch die Vereinbarkeit mit der Familie.

Dr. Stiller: Ich finde es sehr legitim, dass die junge Generation eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie fordert. Das ist das, was wir uns früher gewünscht haben und was wir erreichen wollten. Dass sich die Arbeit in der Niederlassung sehr gut mit der Familie vereinbaren lässt, habe ich selbst erlebt. In der Praxis regelt man die Sprechzeiten selbst, ich konnte meine Kinder zur Schule fahren und wenn ein Anruf kam und ein Kind aus Krankheitsgründen abgeholt werden musste, konnte ich das übernehmen. Wenn man im OP steht, geht das nicht.

Können Sie sich vorstellen, später einmal selbst in die Niederlassung einzusteigen, Frau Wohlfahrt?
Wohlfahrt: Ich habe ein Landarztstipendium vom Landkreis Leer in Ostfriesland. Humanmedizin ist mein Zweitstudium, ich habe vorher einen Bachelor in Psychologie an der TU Dresden gemacht. Dadurch, dass ich dieses Erststudium habe, bin ich mir sehr sicher, wo es mal hingehen soll. Mit dem Landarztstipendium steht der Weg eigentlich schon fest. Und ich finde es auch beruhigend, so ein klares Ziel zu haben. Das gibt mir Motivation im Studienalltag.

Dr. Stiller: Die Karriere ist viel planbarer geworden als zu meiner Zeit. Da möchte man manchmal gerne selbst noch einmal studieren, weil das heutzutage so mit Rückenwind versehen ist. Ich gehöre zur sogenannten Babyboomer-Generation, während meines Studiums gab es den Begriff der »Ärzteschwemme«. Da hieß es immer, du kriegst keinen Job, das war manchmal demoralisierend. Ich finde, es ist wichtig, dass die Studierenden von Anfang an lernen, wie die Arbeit in der Niederlassung funktioniert. Sie sollen frühzeitig wissen, was auf sie zukommt. Dazu gehören auch betriebswirtschaftliche Aspekte. Während meiner eigenen Weiterbildung zum Allgemeinmediziner ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass ich gar nichts über das Thema Umsatz wusste.

Sie haben sich mit einer Landarztpraxis niedergelassen. Was ist das Schöne an Ihrem Beruf, Dr. Stiller?
Dr. Stiller: In meiner Praxis lebe ich mit meinen Patienten die Anamnese, es ist wirklich etwas Besonderes, wenn man die Menschen lange begleitet. Man registriert den Respekt, den man genießt, die Wertschätzung, die einem entgegengebracht wird und auch die Verantwortung, die man hat. Das gibt einem ein Zufriedenheitsgefühl, das ich aus dem Krankenhaus so nicht kannte. Die Landarztpraxis ist kein Auslaufmodell, denn nicht alle können in der Stadt wohnen. Der demographische Wandel spielt im Hinblick auf die Mobilität eine Rolle, ich habe eine Zweigstelle eröffnet, um meinen Patienten weite Wege zu ersparen. Schön wäre allerdings ein vernünftiger Internetausbau. Ich glaube, eine moderne Praxis mit digitalem Service kann nur da gedeihen, wo es schnelles Internet gibt.

Frau Wohlfahrt, bestärkt Sie das Patenprogramm in Ihrer Entscheidung, Hausärztin zu werden?
Wohlfahrt: Die Patenschaft und die Hospitanz haben mir noch einmal viel Sicherheit gegeben, dass der Hausarztberuf das Richtige für mich ist. Wenn meine Kommilitonen darüber reden, dass sie Neurochirurgie spannend finden, dann sage ich immer: »Und ich werde Landärztin«. Das ist zwar kein Beruf, mit dem man unter Medizinstudenten angeben kann, aber ich finde diese Vorstellung, einen Patienten über Jahrzehnte zu begleiten, die Zusammenhänge zu kennen und viel über die Anamnese zu wissen, eben schön.