Porträt Irmgard Landgraf
Kolumne

»Unser Pflegemodell sollte zum Standard werden«

Ohne ihren Laptop geht Dr. Irmgard Landgraf nicht zur Arbeit. Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet für ihre digitale hausärztliche Versorgung eines Berliner Pflegeheims und hat eine klare Vorstellung von moderner ärztlicher Betreuung: »Technik macht keine Medizin, aber sie beschleunigt die medizinische Versorgung.«

»Sprechstunde« im Park: Internistin Dr. Irmgard Landgraf wählt sich auf dem Pflegeheimgelände in ihre Software ein und erklärt Heimbewohnerin Regina Becker, welche Gesundheitsdaten sie von ihr abrufen kann. © Heiko Laschitzki

Landgraf betreut als niedergelassene hausärztliche Internistin rund 150 Pflegeheimbewohner. Um das zu schaffen, arbeitet sie mit Pflegekräften digital zusammen und nutzt netzwerkfähige Pflegeakten. »So kann ich aktuelle Krankheitsverläufe vor meinem Besuch studieren und habe vor Ort mehr Zeit für meine Patienten«, sagt sie. 

Das Prinzip dahinter ist einfach: Die Pflegekräfte und Dr. Landgraf füllen die elektronischen Pflegeakten mit Inhalten und haben permanenten Zugriff auf die komplette Dokumentation. So ist jeder der Beteiligten mit wenigen Klicks auf dem aktuellen Stand, kennt die Beschwerden und Erkrankungen der Pflegeheimbewohner und ist über die Behandlungsstrategien im Bilde. »So können wir frühzeitig reagieren, wodurch es zu deutlich weniger Krankenhauseinweisungen als bei der Standardpflege kommt«, sagt Dr. Landgraf.

Früher seien relevante Informationen nicht selten mit Verzögerung angekommen. »In der Praxis war ich ja nicht immer sofort telefonisch erreichbar. Und auch im Pflegeheim war das Telefon nicht rund um die Uhr besetzt.« Deshalb führte sie 2001 in ihrer Praxis die Zusammenarbeit über die netzwerkfähige Patientenakte ein. Seitdem ist das mühsame Hinterhertelefonieren für beide Seiten Geschichte – und Landgraf hat nicht nur mehr Zeit für die Patienten, sondern nutzt die Vernetzung auch für online Visiten. Dazu sieht  sie sich einmal pro Woche jede Akte im Computer genauer an, prüft ob Therapien anschlagen und Medikationen geändert werden müssen. »Dieses wichtige Controlling ist dadurch einfach besser geworden.«

Vernetzt und flexibel 

Wie das mit ihrem Praxis- und Familienalltag vereinbar ist? »Viele denken, ich sei durch das digital vernetzte Arbeiten 24 Stunden im Einsatz. Doch es ist genau umgekehrt: Mein Arbeitsalltag ist viel flexibler geworden.«

Vor der Vernetzung sei sie zum Beispiel zur Behandlung eines Patienten ins Pflegeheim gekommen und schnell gefragt worden, ob sie sich nicht noch vier weitere Patienten anschauen könne. »Heute sind meine Visiten viel besser planbar«, sagt die 62-Jährige. Sie wählt sich zweimal am Tag in die Pflegeheimsoftware ein und kann so morgens schon erste diagnostische Schritte einleiten. Wenn sie dann nachmittags oder abends ins Pflegeheim kommt, haben die Arzthelferinnen bei Bedarf bereits Blut abgenommen oder ein EKG gemacht und die Ergebnisse dieser Untersuchungen liegen schon vor. »Das ist eine ganz andere Arbeitsgrundlage.«

Auch Angehörige profitierten von der telemedizinisch unterstützen Pflegeheimversorgung, betont Landgraf. Denn sobald sie ein Rezept schreibt, übermittelt die Software es der kooperierenden Apotheke, von der die Medikamente dann zum Pflegeheim geliefert werden. »So können Angehörige, die zu Besuch sind, Zeit mit ihren Liebsten verbringen – und müssen keine Rezepte einholen.«

Training für Studierende 

Für ihr Versorgungsmodell interessieren sich auch Medizinstudierende aus ganz Deutschland. So betreut Landgraf vier bis sechs Blockpraktikanten und Famulanten pro Jahr. Sie bittet sie täglich um 7.30 Uhr zur Frühsprechstunde, nimmt sie mit zu Hausbesuchen, überlässt ihnen unter Aufsicht die Betreuung eines Pflegheimpatienten und lehrt die digitale Versorgung. Warum ihr die Arbeit mit den Studierenden so wichtig ist? »Ich möchte, dass unser Modell zum Standard wird.«