Mit scheinbar wenig viel bewirken
Allgemeinmedizin

Mit scheinbar wenig viel bewirken

Am Anfang empfand Rahel Reimer das Medizinstudium als eine einzige Paukerei, doch ein Auslandssemester änderte das. Gerade absolviert die Kieler Medizinstudentin ihr Praktisches Jahr. Im Interview erzählt die 25-Jährige, warum sie die Allgemeinmedizin so faszinierend findet, was wir von den Franzosen lernen können und welche Patienten sie nicht vergessen kann.

Rahel Reimer, Medizinstudentin im Praktischen Jahr. @ Bild: privat

Du hast während deines Studiums schon viel Praxiserfahrung gesammelt und stehst kurz vor dem Ende deines Praktischen Jahrs.  Hast du in dieser Zeit etwas gelernt, was dir besonders geholfen hat?
Anfangs hatte ich etwas Probleme in der Praxis, weil die im Studium immer noch zu kurz kommt. Ich war mir nicht sicher, ob ich da jetzt eine Lungenentzündung oder doch etwas anderes höre. Am wichtigsten ist es, das körperliche Untersuchen zu lernen. Und was mir dabei vor allem geholfen hat, war mein Tertial in einer Allgemeinarztpraxis in Lütjenburg.

Was war dort so besonders?

Man lernt in der Allgemeinmedizin, wie man mit scheinbar wenig viel bewirkt. Das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die ein Arzt haben kann, echte Grundlagen-Medizin. Man hat nicht immer ein super Ultraschallgerät oder andere hochmodernen Apparate, sondern muss auf seine Fertigkeiten und eigenen Sinne vertrauen. Das spornt an und macht unheimlich Spaß. In Lütjenburg kam das sehr angenehme, nahezu familiäre Arbeitsklima und die Eins-zu-eins-Betreuung hinzu.

Wie sah diese Betreuung genau aus?

Das ist zum Beispiel ein Riesenunterschied zur Klinik. Im Krankenhaus hat man das Gefühl, dass niemand für einen zuständig ist. In der Praxis hatte ich dagegen ständig einen Ansprechpartner, konnte alles fragen und alles anmerken. Es war okay, wenn ich zum 28. Mal gesagt hatte: »Hör dir bitte noch mal die Lunge an, ich bin mir unsicher«. Für mich war das sehr viel wert.

Der Allgemeinmedizin wird oft der Stempel der Langweiligkeit verpasst. Warum ist das so?
Natürlich heißt es oft: »Du behandelst da doch nur Schnupfen und Durchfall«. Aber das ist für mich ein Totschlagargument. Ein Gastroenterologe hat auch vor allem mit Spiegelungen zu tun. Dieses ganz Alltägliche gibt es in jedem Fachbereich. In der Allgemeinmedizin sind es halt Schnupfen, Durchfall oder Rückenschmerzen, aber dafür Erkrankungen aus einem breiten Spektrum - und eben auch die besonderen Fälle.

Zum Beispiel?
Da gab es mehrere. Einmal kam ein Patient schlurfend in die Praxis und wirkte ein wenig träge, aber nicht so, als hätte er etwas Schlimmeres. Als er dann nach und nach seine Beschwerden schilderte und unter anderem von Schmerzen im linken Arm erzählte, begann ich, hellhörig zu werden. Nachdem auch das EKG auffällig war, haben wir ihn sofort in die Klinik geschickt. Dort kam heraus, dass er einen ausgedehnten Herzinfarkt hatte, der wohl schon ungefähr eine Woche zurücklag. Der Hausarzt ist meist der erste Arzt-Kontakt des Patienten und muss dessen Beschwerden richtig einschätzen. Diese Selektionsfunktion der Allgemeinmediziner wird oft unterschätzt.

Waren die anderen Fälle ähnlich schwerwiegend?

Das ist schwer zu vergleichen. Aber Situationen, in denen es um Zeit geht, entstehen natürlich auch in der Allgemeinmedizin. Etwa habe ich einen Notfall miterlebt, bei dem ein junger Mann mit einer Bienen- und Wespenallergie kollabierte. Ihn hatte eine Hornisse gestochen, er erlitt einen anaphylaktischen Schock und war kaum noch ansprechbar. Sein Vater brachte ihn zu uns, und wir fingen sofort mit der Behandlung an. Mein Lehrarzt sagte mir, was zu tun war. Ich maß Blutdruck und Puls, während er den Zugang legte und die Sprechstundenhilfe die Infusion anhängte. Dann bekam der Patient schnell Kortison, ein Antihistaminikum und sogar Adrenalin. Ich übernahm die Druckinfusion, dann stabilisierten sich die Vitalparameter wieder und der Rettungswagen kam. Das war sehr stressig und aufregend zugleich. Mit allergischen Reaktionen hat man es schon öfter zu tun, aber in diesem Ausmaß wirklich selten.

Sind das dann die Fälle, die einen auch nach Feierabend noch beschäftigen?

So etwas bleibt natürlich in Erinnerung und bringt dich aus der Ruhe. Denn du gehst die Abläufe danach immer wieder im Kopf durch. Andere Fälle, die mir sehr nahegehen, sind zum Beispiel onkologische oder Palliativpatienten. Ich habe den Arzt oft auf seine Hausbesuche bei einem Palliativpatienten begleitet und frage mich auch jetzt noch oft, wie es ihm geht.

Ist dieses Gefühl, Patienten besser begleiten zu können, auch einer der Gründe dafür, dass du dich später niederlassen willst?
Ja, das kann man so sagen. Als Hausarzt ist man eine Konstante, begleitet Patienten für eine Zeit lang, manchmal sogar ein ganzes Leben. Man kennt dessen Geschichte und Lebensumfeld und kann so Diagnostik- und Therapiewege viel besser anpassen und Rat geben. Diese vertrauensvolle Beziehung fehlt mir in der Klinik sehr. Am stärksten habe ich das während meiner vier Wochen in der Ambulanz gemerkt, wo Patienten minütlich kommen und gehen. Man stellt ihnen eine Frage und schickt sie weiter. Ich habe zwar versucht, später nachzuschauen, wie ihnen geholfen wurde, aber das schafft man bei der Zahl der Patienten nicht bei allen.

Du hast schon in Praxen in Großstädten, Kleinstädten und auf dem Land Erfahrungen gesammelt. Welcher Ort wäre dein Favorit für eine Niederlassung?
Mir hat schon immer das Land gefallen. Ich mag die Ruhe und die Nähe zur Natur. Wenn ich Tiere um mich herum habe, reicht das oft schon, um mich glücklich zu machen. Ich brauche kein riesiges Kulturangebot. Klar, eine vernünftige Infrastruktur wäre schön. Aber ich komme vom Land und kenne das nicht anders. Ich weiß, dass sonntags vier Busse fahren – aber das ist eben so. Als Ärztin reizt mich zudem die Herausforderung. Man kann die Patienten nicht direkt weiter zu einem Kollegen schicken, weil der nicht gleich um die Ecke ist – und so muss man viel selbst machen und entscheiden. Mein Traum ist eine ländliche Gemeinschaftspraxis mit Schafen, Ziegen und Kräuterbeet vor der Tür: Die Patienten sollen so angeregt werden, selbst etwas für ihre Gesundheit zu tun und aktiv zu werden - und sich außerdem wohl fühlen, vor allem die vielen älteren.

Kannst du dich noch an deine ersten Eindrücke vom Medizinstudium erinnern?
Ja, noch ziemlich gut. Am Anfang war es sehr lernintensiv und anstrengend. Ich war extrem ehrgeizig und diszipliniert, aber die Art des Lernens war furchtbar stressig. Dann war ich mit dem Erasmusprogramm in Frankreich und habe besser gelernt, worauf es ankommt.

Worauf kommt es denn an?

Dass man sich nicht bis ins letzte Detail in alles reinarbeiten muss, was einem an Lernstoff vorgeschrieben wird. Man lernt auch viel in der Praxis und sollte lieber die Basics wirklich gut können. In Frankreich wusste ich Medikamentennamen, die andere nicht kannten, dafür waren die französischen Studierenden in der Praxis viel breiter und sicherer aufgestellt. Ich bin jetzt immer noch sehr diszipliniert, habe aber mehr Spaß und kann mit vielen Situationen besser umgehen.

Du bist jetzt im zwölften Semester und bald fertig mit deinem Studium. Woran merkst du, dass du deinem Ziel, Ärztin zu sein, näher kommst?
Das merke ich vor allem an meinem Auftreten. Ich spüre einen enormen Unterschied, seitdem ich mit dem Praktischen Jahr angefangen habe. In den Untersuchungen fühle ich mich einfach sicherer. Und das geben die Patienten und Lehrenden mir auch zurück. Am besten erinnere ich mich an einige Patienten in Lütjenburg, die am Ende meinten, wie schade es sei, dass ich schon ginge.