»Karriere machen heißt, den Weg zu gehen, der zu mir passt«

»Karriere machen heißt, den Weg zu gehen, der zu mir passt«

Prüfungsstress, Klinikmomente, Patientenkontakt: Seit zwei Jahren schreibt eine Medizinstudentin aus Norddeutschland in ihrem Blog Medizinerei über ihre medizinischen Lehrjahre. Warum sie anonym bloggt und was die 29-Jährige an der Allgemeinmedizin reizt, erzählt sie im Interview.

»Wenn ich anonym berichte, bleiben die Geschichten echt, ohne dass ich die ärztliche Schweigepflicht oder Persönlichkeitsrechte verletze«, sagt die 29-Jährige.

Einer deiner neuesten Beiträge auf »Medizinerei« handelt von einem Praktikum beim Notarzt und deiner ersten Reanimation. Wie bist du mit dieser Situation umgegangen?
Eine Reanimation ist definitiv eine Situation, die mir nicht gefällt; vor der ich sogar ganz schön Angst habe. Es gibt Leute, die den Adrenalinschub mögen und darin aufgehen, innerhalb kürzester Zeit Leben retten zu können. Aber ich fühle mich sicherer, wenn ich nicht sofort handeln muss, sondern über etwas nachdenken kann, bevor ich meine Schlüsse ziehe. Für das Praktikum habe ich mich entschieden, weil ich es wichtig finde, mich gerade solchen Situationen auszusetzen, bevor ich selbst in der Verantwortung stehe und keine andere Wahl habe. Jetzt bin ich etwas besser vorbereitet und weiß, dass ich im Ernstfall damit umgehen kann.

Du bist scheinfrei im elften Semester, stehst kurz vor dem Examen und hast schon viele praktische Erfahrungen durch Famulaturen und Blockpraktika gesammelt. Welche Erinnerungen sind hängengeblieben?
Im Studium konzentrieren wir Studenten uns oftmals auf die Theorie – denn die ist in erster Linie prüfungsrelevant und Prüfungen haben wir im Studium laufend. In der Praxis habe ich dann oft erfahren, dass der Beruf vor allem durch die Arbeit mit Menschen seinen Reiz hat. Zum Beispiel ist in der Neurologie für uns die Faszination fürs Gehirn relevant – wo verlaufen die Nervenleitbahnen, welche diagnostischen Tests macht man entsprechend, um zu erkennen, wo das Problem ist. Im Praktikum begegnet man dann Ärzten, die noch eine andere Seite beleuchten. Etwa sagte eine Neurologin zu mir, das tollste an ihrem Beruf sei die Beziehung zu ihren Patienten, die sie – bei vielen chronischen Erkrankungen – teilweise über Jahrzehnte hinweg betreut.  

Du hast in Deutschland und in Frankreich famuliert, unter anderem in einer Allgemeinmedizinpraxis, einer Kinderarztpraxis, einer Kindernotaufnahme, der Gynäkologie, der HNO und in der Bauchchirurgie. Wie wichtig sind diese Erfahrungen während des Studiums?
Ich bin ein großer Fan von den praktischen Erfahrungen. Denn ich merke mir die Sachen, die ich gesehen habe viel besser als die, die ich gelesen oder gehört habe. Sowohl auf den Stationen in der Klinik als auch in der ambulanten Praxis kriegt man wirklich mit, wie der Alltag läuft. Ein Beispiel: Ein Freund von mir fand Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde theoretisch interessant und die Berufsaussichten auf dem Papier attraktiv. In der Sprechstunde ist ihm aber bei der Rachenraumuntersuchung aufgefallen, dass er extrem geruchssensibel ist. An solche Sachen denkt man nicht unbedingt, wenn man das vorher noch nicht gemacht hat.

Hast du dich schon für einen Fachbereich entschieden?

Ich möchte mich auf jeden Fall gerne irgendwann niederlassen. Kindermedizin oder Allgemeinmedizin kann ich mir gut vorstellen. In beiden Fachrichtungen ist man Vertrauensperson und muss besonders auf die Menschen eingehen. In der Kindermedizin gibt es sehr viel Prävention. So lässt sich viel bewirken; mir gefällt der Ansatz, nicht erst zu warten, bis das Problem besteht. Und in der Allgemeinmedizin ist man einerseits sehr breit aufgestellt und hat andererseits viele Möglichkeiten, sein Wissen zu vertiefen.

Wissen vertiefen kann man ja auch als Spezialist, zum Beispiel als Kardiologe.
Als Spezialist, der eine bestimmte Fragestellung oder ein Organ untersucht, sehe ich mich eher nicht. Denn ich möchte den Freiraum haben, das große Ganze im Blick zu behalten und zu fragen, wie es dem Menschen insgesamt geht. Wenn ich den Verdacht habe, dass es sich um ein psychosomatisches Problem handelt, würde ich das zum Beispiel gerne weiterverfolgen, ohne den Patienten sofort weiterschicken zu müssen, weil meine Rolle im System nun einmal die des Herzexperten ist.

Früher galt an vielen Hochschulen: Wer Karriere machen will, geht zur Uni-Klinik. Ist das heute auch noch so?
Der Eindruck entsteht schnell. Aber auch, weil wir nun mal an der Uni ausgebildet werden und unsere Professoren allesamt diesen Weg eingeschlagen haben. Nicht wenige Kommilitonen sind dadurch irgendwie schon der Meinung, dass die Unikarriere das Höchste ist, was man anstreben kann. Wobei das im Laufe des Studiums etwas nachlässt. Ich habe auch schon anderes gehört.

Was denn zum Beispiel?
Einer der Kinderärzte, bei denen ich famuliert habe, war vorher Professor und hat erfolgreich an einer Uniklinik geforscht. Jetzt hat er sich niedergelassen und sagt, dass ihm der Beruf auf einer anderen Ebene deutlich mehr abverlangt. Denn an der Uni hat er immer Kollegen gehabt, mit denen er sich absprechen konnte. In der Niederlassung muss er alleine Entscheidungen treffen. Letztendlich ist es eine persönliche Entscheidung: Möchte ich Forschung betreiben, auf Konferenzen fahren, gar einen Chefarztposten anstreben und den ›traditionellen‹ Karriereweg gehen? Oder reizt es mich inhaltlich mehr, in einem kleinen Haus zu arbeiten, mich niederzulassen. Auch dann ist ja nicht gesagt, dass internationale Arbeit nicht möglich ist, falls ich gerade das attraktiv finde an der Uni-Karriere.

Kennst du niedergelassene Ärzte, die diesen Weg gegangen sind?
Ja, ich kenne inzwischen Ärzte, die für Ärzte ohne Grenzen aktiv sind oder sich für ähnliche Projekten im Ausland engagieren. Einige arbeiten für eine gewisse Zeit als Schiffsarzt, andere haben in Erstaufnahmestätten Geflüchtete versorgt. Wir haben den Luxus, vor so vielen interessanten Einsatzmöglichkeiten zu stehen. Ich habe inzwischen meine eigene Ansicht von Karriere: den Weg zu gehen, der zu mir passt. Möglichst frei von Statusvorstellungen, die womöglich gar nicht von mir selbst, sondern von außen – Eltern, Freunden, der Gesellschaft – kommen.

Es gibt doch auch kooperative Niederlassungsformen.
Ich möchte auch nicht mein ganzes Leben in einer Klinik Dienst für Dienst arbeiten. Ich denke, dass es eine gute Schule ist und einige Jahre Erfahrung im Krankenhaus unbedingt notwendig sind. Aber mir ist eben auch wichtig, flexibel und selbstständig zu sein. Deshalb würde ich mich mittelfristig am liebsten in einer kleinen Gemeinschaftspraxis zu dritt oder viert niederlassen. Allein schon, weil man sich dann bei Urlaub und Krankheit besser vertreten kann.

Die Work-Life-Balance ist also mitentscheidend?
Ja, absolut. Mir geht es aber nicht nur um das Verhältnis von Arbeit zu Freizeit. Ich finde es zum Beispiel bedenklich, dass es in der Personalstruktur von Krankenhäusern kaum vorgesehen scheint, krank zu werden. Wenn sich jemand krankmeldet, weiß er genau, dass seine Kollegen die Last tragen müssen. Hinzu kommen Vorurteile und Sprüche wie: »Du hattest nur Schnupfen? Dann hättest du doch kommen können.« Viele sind der Meinung, dass man als Arzt besonders hart sein muss. Man verhält sich also entgegengesetzt zu dem, was man selbst den Patienten rät. Ich fände es schön, wenn meine Generation das ändern könnte.

Was nimmst du dir für deinen Umgang mit Patienten vor?
Ich kenne eine Allgemeinmedizinerin, die so ein herzliches Verhältnis zu ihren Patienten hat, dass sie sie immer umarmt. Das ist eine Typfrage, persönlich kann ich mir diese Art von Nähe nicht so gut vorstellen. Aber sehr viel funktioniert und die Patienten suchen sich langfristig einen Arzt aus, der zu ihnen passt, gerade in der hausärztlichen Versorgung. Ich sehe mich aber schon als Vertrauensperson, die im Umgang nahbar ist – und bei der sich Patienten auch trauen, Fragen zu stellen.

Du schreibst in deinem Blog anonym und nennst deinen Namen nicht. Warum?
Ich möchte aus dem Alltag erzählen und Situationen wiedergeben. Wenn ich anonym berichte, bleiben die Geschichten echt, ohne dass ich die ärztliche Schweigepflicht oder Persönlichkeitsrechte verletze.

Wann war für dich klar, dass du Ärztin wirst?

Eigentlich wollte ich direkt nach dem Abitur Medizin studieren. Mir gefiel die Aussicht auf eine Mischung aus Naturwissenschaften und einem sozialen Beruf. Doch mir fehlten die Vorbilder. Dann machte ich während eines Pflegepraktikums schlechte Erfahrungen: bedrückende Atmosphäre, hohe Arbeitsbelastung. Das wirkte abschreckend auf mich und ich kannte niemanden, der Ärztin oder Arzt war und mich hätte umstimmen können. Daraufhin habe ich zunächst Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Nach dem Bachelor habe ich dann aber doch noch meinen ursprünglichen Plan umgesetzt und mit 24 Jahren angefangen, Medizin zu studieren.

Welchen Tipp kannst du Studienanfängern geben?

Man sollte sich nicht verrückt machen lassen. Viele sind für das Medizinstudium zugelassen worden, weil sie in der Schule sehr gut und ehrgeizig waren – und damit den erforderlichen Abi-Schnitt hatten. An der Uni findet man sich dann schnell in der Situation wieder, nicht mehr in allem der Beste zu sein, denn die anderen sind ja ähnlich fleißig und schlau. Es gibt einige Kommilitonen, die immer noch stark auf Noten schielen und die das belastet. Davon muss man sich freimachen. Wenn jemand sehr gut im Examen abschneidet, hat er natürlich ein sehr breites Wissen, aber das ist nicht alles, was man braucht, und macht einen nicht automatisch zu einem guten Arzt. Deshalb wäre mein Tipp, sich selbst nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Und ich kann Auslandserfahrung in jedweder Form sehr empfehlen. Ich war für zwei Semester in Paris – das lässt sich mit dem »Erasmus+«-Stipendium gut finanzieren, und in Frankreich ist das Studium besonders praxisorientiert. Famulaturen sind zum Beispiel auch gut über den BVMD möglich.

Weitere Infos:

Zum Blog »Medizinerei«