»Junge Studierende sind oft im Krankenhauskorsett gefangen«

»Junge Studierende sind oft im Krankenhauskorsett gefangen«

2016 waren die Medizinstudentin Rahel Mae Pang und der Orthopäde und Unfallchirurg Mirko Kuhn auf den Plakaten der Kampagne „Wir arbeiten für Ihr Leben gern“ an den medizinischen Fakultäten des Landes zu sehen. Im vergangenen Sommer hat Pang in Kuhns Gemeinschaftspraxis in Gelsenkirchen famuliert. Wie sie sich geschlagen hat und wo die größten Unterschiede zwischen Praxis und Klinik liegen, erzählen die beiden im Doppelinterview.

»Eine Praxis ist wie ein kleines Motorboot, eine Klinik wie ein großer Öltanker«: Rahel Mae Pang und Mirko Kuhn sprechen über die Unterschiede zwischen Praxis und Krankenhaus und die Vorzüge der Famulatur.

Frau Pang, Sie waren 2016 zusammen mit Mirko Kuhn auf den Plakaten der Kampagne »Wir arbeiten für Ihr Leben gern« zu sehen. Werden Sie noch hin und wieder erkannt?
Pang: Damals wurde ich in der Universität oft darauf angesprochen. Meine Eltern haben sogar ein Foto davon gemacht.

Und Sie, Herr Kuhn?
Kuhn (lacht): Von Kollegen werde ich noch oft daran erinnert.

Frau Pang, Sie haben Ihre Facharzt-Famulatur in der Praxis von Herrn Kuhn absolviert. Was ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?

Pang: Die gute Stimmung in der Praxis. Es war ein richtiges Miteinander, auch wenn es mal stressiger wurde und viel zu tun war. 

 

An was denken Sie als Erstes, wenn Sie zurückblicken, Herr Kuhn?
Kuhn: Dass Frau Pang überhaupt keine Berührungsängste hatte und dass es eine sehr interessante und bereichernde Zusammenarbeit war. Für die Patienten war es sehr schön, weil Frau Pang frischen Wind in den Praxisalltag gebracht hat.
Pang (lacht): Wirklich? Wahrscheinlich, weil ich die einzige Frau im Ärzteteam der Praxis war.

Stimmt das, Herr Kuhn?
Kuhn: Ich würde sagen, es lag in erster Linie an ihrer Persönlichkeit. Sie ist sehr kontaktfreudig und brachte den Patienten und dem Team jede Menge Sympathie entgegen. So hat sie sich schnell integriert und sich durch ihre Wissbegierde viele Türen geöffnet.

Wie läuft eine Famulatur in Ihrer Praxis ab?
Kuhn: Es gibt keinen festen Ablauf. Bei einer Famulatur im operativen Bereich zum Beispiel liegt der Schwerpunkt oft in der Assistenz operativer Eingriffe. In meiner Praxis geht es vor allem darum, den Praxisalltag kennenzulernen und für Beschwerden und Schmerzbilder von Patienten in der ambulanten Versorgung sensibilisiert zu werden. Frau Pang hat uns daher vom ersten Tag an beim Patienten begleitet, Einblicke in unsere diagnostischen Verfahren gewonnen und erste therapeutische Schritte durchgeführt.

 

Was haben Sie aus den vier Wochen mitgenommen, Frau Pang?
Pang: Da es eine Gemeinschaftspraxis war, konnte ich jeden Tag selbst entscheiden, welchem Arzt ich über die Schulter gucken möchte. Letztlich war alles dabei: von Akupunktur bis zu Injektionen, von verschiedenen Gelenkuntersuchungen bis zu Röntgenaufnahmen. Zudem konnte ich einen Einblick gewinnen, wie man gezielte Anamnesen durchführt. Diese Abwechslung hat mir sehr gut gefallen.

Wie leicht ist Ihnen der direkte Umgang mit Patienten gefallen?
Pang: Das fiel mir sehr leicht. Ich finde den direkten Patientenkontakt sehr angenehm. Und wenn ich mich nett vorgestellt habe und gefragt habe, ob ich die Patienten untersuchen durfte, hatte keiner etwas dagegen.

Das klingt, als hätten Studierende in der Famulatur schon eine gewisse Verantwortung.

Kuhn: Die Studierenden können natürlich – je nach Kenntnisstand – gerade am Ende der Famulatur eigene Anamnesen stellen. Sie können das Patientengespräch erlernen, soziale Kompetenzen ausbauen und verschiedene Untersuchungstechniken kennenlernen. Aber die Verantwortung bleibt zu 100 Prozent beim Arzt. Jeder Famulant geht natürlich nur so weit, wie er es selber möchte. Auch allein aus der Beobachterposition heraus können viele wichtige Kenntnisse erworben werden.   

Warum und wie haben Sie sich damals bei Herrn Kuhn beworben?

Pang: Ich habe damals noch in Gelsenkirchen gewohnt und mich für eine Facharzt-Famulatur in Wohnortnähe interessiert. Ich habe mich dann einfach persönlich in der Praxis vorgestellt und gefragt, ob eine Famulatur angeboten wird. Im Gespräch hatte ich dann sofort ein gutes Gefühl. Ich hatte zwar meine Bewerbungsunterlagen dabei, aber die wurden gar nicht verlangt.

Das müssen Sie uns erklären, Herr Kuhn. Warum haben Sie sich damals sofort für Frau Pang entschieden?
Kuhn: Das war eine intuitive Entscheidung. Im Gespräch habe ich schnell festgestellt, dass sie bei uns gut aufgehoben wäre. Ich freue mich, wenn sich junge Kollegen für die Arbeit in der Praxis und das Fachgebiet der Orthopädie und Unfallchirurgie interessieren.

Planen Sie weitere Famulanten aufzunehmen?
Kuhn: Da gibt es keinen Plan. Wer sich für eine Famulatur in meiner Praxis interessiert, kann sich jederzeit gerne melden. Da bin ich nicht der einzige Arzt, der so denkt. Die wenigsten Praxisärzte, die auf eine Famulatur angesprochen werden, sagen dann Nein.

Pang: Ganz wichtig finde ich es auch, eigene Vorstellungen zu nennen, wie so eine Famulatur ablaufen soll – ob man zum Beispiel selbst Patienten untersuchen möchte. Nur so kann man in der Kürze der Zeit möglichst viel mitnehmen und ist am Ende nicht enttäuscht.

Inwiefern bereitet eine Famulatur auf eine spätere Niederlassung vor?
Kuhn: Die jungen Studenten sind oft im Krankenhauskorsett gefangen. Sie studieren, dann haben sie das Praktische Jahr, welches – Stand heute – immer noch rein im Krankenhaus stattfindet. Danach geht es meist direkt zur Facharztausbildung in eine Klinik. Die Famulatur ist daher eine gute Möglichkeit, den Praxisalltag schon während des Studiums kennenzulernen und für sich zu entscheiden: Bin ich für eine Niederlassung geeignet?

Hat die Famulatur Ihren Willen bestärkt, sich niederzulassen?
Pang: Mich hat diese Idee schon während des Studiums immer begleitet und ich kann mir eine Niederlassung weiterhin sehr gut vorstellen. Einen großen Vorteil sehe ich darin, den Praxisalltag gut mit dem Familienleben zu vereinen. Zudem finde ich die Atmosphäre in einer Praxis angenehmer und persönlicher als in einem Krankenhaus.

Welche Vorteile hat eine Niederlassung Ihrer Meinung nach, Herr Kuhn?

Kuhn: Man kann eigene Schwerpunkte setzen und Ideen für Verbesserungen schnell umsetzen. Ich vergleiche das immer so: Eine Praxis ist wie ein kleines Motorboot, eine Klinik wie ein großer Öltanker. Wenn man als Praxisarzt Abläufe erkennt, die nicht gut funktionieren und etwas verändern will, können Verbesserungen schnell umgesetzt werden.

Und was ist die größte Herausforderung?
Kuhn: Mitunter fällt es schwer, sich parallel zum Praxisgeschehen so fortzubilden, dass man stets eine Medizin auf dem aktuellsten Stand anbieten kann. Zudem gibt es natürlich ein wirtschaftliches Risiko. Aber wenn man seine Patienten gut behandelt, halte ich dieses für sehr überschaubar.

Haben Sie schon ein Bild im Kopf, wie ihre mögliche Praxis später einmal aussehen soll?
Pang: Hell und freundlich. Mit ganz vielen Pflanzen. Und wenn man hereinkommt, schaut man direkt in das Gesicht einer netten, jungen Dame, die freundlich »Willkommen« sagt.