Interview Internetarzt Dr. Johannes
Interview

»Kommunikation ist alles«

Dr. Johannes Wimmer betreibt ein Online-Portal mit unterhaltsamen Patienteninfos im Videoformat. Leicht verständlich erklärt er dort die häufigsten Beschwerden, Diagnosen, Medikamente und Untersuchungen. Auf dem Infotag »Fit für die Praxis?« 2014 war sein Vortrag »Wer ist besser – Dr. Google oder ich?« ein echter Publikumsmagnet. Im Anschluss haben wir ihm ein paar Fragen gestellt.

»Dr. Johannes« während seines Auftritts beim Infotag »Fit für die Praxis?«

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Website www.doktor-johannes.de ins Leben zu rufen?

Das hat eigentlich über die Videos begonnen. Ich habe in meinem eigenen Alltag gesehen, dass sich vieles in der Medizin schlicht und einfach laufend wiederholt. Das gilt nicht nur im Großen und Ganzen mit 15 Millionen Operationen pro Jahr in Deutschland, sondern auch in der Praxis und der Klinik. Ein Arzt erzählt am Tag 80 Mal das Gleiche – und hat nach dem 30. Mal eigentlich keine Lust mehr darauf. Und da wollte ich einfach das, was immer wieder erzählt werden muss, in Form von Videos abdecken, damit ich mich als Arzt auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren kann – nämlich Zeit mit meinen Patienten zu verbringen. 

Haben Sie dadurch wirklich mehr Zeit für Ihre Patienten?

Ja, und auch einen Vertrauensvorschuss. Die »Patientenreise« beginnt heutzutage im Internet, zumeist bei Google. Wenn es mir gelingt, meine Patienten schon vor der Praxis – im wahrsten Sinne des Wortes – online zu informieren und mein Patient weiß: das ist nicht eine unqualifizierte Information von Google, sondern eine von meinem Arzt – dann schafft das Vertrauen. 

Es ist Ihnen also lieber, gut informierte Patienten zu haben?

Bei vielen Ärzten ist der »mündige Patient« ja immer ein Unwort. »Informiert« sagt ja noch nichts über die Qualität der Information. Die Information muss ja auch strukturiert sein und im richtigen Kontext des Patienten stehen. Ich erkenne da übrigens auch verschiedene Arten von Patienten: Da gibt es den Datenmessi, der das halbe Internet ausgedruckt mitbringt, aber auch den »Scheißegal«-Patienten, der sich gar nicht vorab informiert. Am liebsten ist mir gewissermaßen der kleine Buchhalter, der mir klar sagt: »Ich habe schon folgende Informationen und außerdem noch zwei Fragen«. Medizin hat ja ganz viel mit gesundem Menschenverstand zu tun – und mit Informationen muss man haushalten, damit man den Patienten in der zur Verfügung stehenden Zeit angemessen versorgen kann. 

Sie sind viel in der Welt herumgekommen: Hamburg, Marburg, Wien, Lübeck, Kapstadt, China, Boston und New York, um nur einige Stationen Ihrer Aus- und Weiterbildung zu nennen. Wie unterscheidet sich die medizinische Arbeit in den verschiedenen Ländern? 

Die USA sind in Sachen Kommunikation und Patienteninformation unglaublich weit. Da ist ganz viel standardisiert, was Arzt und Patient gleichermaßen nützt. Ansonsten hat mich China sehr beeindruckt: Die Mediziner haben einen unglaublichen Drive, wirklich Dinge zu verbessern und sich stets zu hinterfragen.

Kommunikation scheint Ihnen besonders am Herzen zu liegen. 

So ist das! Wir sind in der Medizin in so vielen Dingen noch in der Steinzeit, gerade bei der Kommunikation. Wir denken immer, wir sind ganz fortschrittlich und lachen über die Medizin von vor 100 Jahren. Was meinst du, wie die in 100 Jahren über uns lachen! Was macht denn für uns selbst in unserer persönlichen Rückschau einen guten Arzt aus? Das ist doch der, der sich nachts ans Bett gesetzt hat, der immer ansprechbar war, der eine ruhige Art hatte, der Verständnis hatte. Dieses Immer-da-Sein kann man mit Online-Unterstützung zum Teil sehr gut abdecken. Ich bin dadurch fachlich kein besserer Arzt. Aber was ich kann, ist die Leute an die Hand zu nehmen und ihnen zu helfen, das zu bekommen, was sie wollen. Nicht die beste Medizin per se, sondern die, die am besten zu ihnen passt. 

Der Arzt als Lotse? 

Ja, so verstehe ich zum Beispiel den Hausarzt. Ich als Hamburger sehe den Arzt wirklich wie einen Lotsen im Hafen. Er muss gar nicht über die Ozeane schippern und die Verantwortung für ein Riesencontainerschiff tragen. Er muss aber dafür sorgen, dass im Hafen alle Abläufe stimmen, dass keiner den anderen rammt und keiner untergeht – und dass eben alles auch zeitlich und von den Kosten her im Rahmen bleibt. 

Was raten Sie jungen Studierenden: Wie können sie sich noch besser auf die Praxis vorbereiten? 

Nicht nur in Medizinbücher über Patientengespräche schauen, sondern sich selbst einen Leitfaden für das Patientengespräch erarbeiten. »Wie gehe ich in die Sprechstunde hinein, was ist gut gelaufen und was nicht?«. Man sollte nicht nur Wissen beim Patienten abladen, sondern schauen, was er wirklich braucht. Oft ist es auch einfach nur ein offenes Gespräch. Leider sind viele Medizinstudenten noch sehr verkopft – sie denken noch nicht so sehr, dass der Arztbesuch auch einen Servicecharakter hat, sondern sehen vor allem die intellektuelle Herausforderung.

Nun sagen viele: »Allzuviel Kommunikation kann ich mir gar nicht leisten, das bezahlt mir ja keiner.«

Das ist mir persönlich völlig egal! Ich gehe doch als Arzt am Endes des Tages mit einem Lächeln nach Hause, wenn ich das Gefühl habe, ich habe menschlich die richtige Leistung abgeliefert. Das ist es doch, was den Beruf ausmacht. Oder?