Interview Dr. Katharina Weinert
Weiterbildung

»Einzelkampf in der Praxis? Das muss nicht sein.«

Flexibilität? Ja. Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Ja. Aber wie sieht es in der Weiterbildung mit dem fachlichen Austausch zwischen Kollegen aus? Wir haben uns mit Dr. Katharina Weinert, Ärztin in Weiterbildung für Allgemeinmedizin und Mitbegründerin der »Brandenburger Junge Allgemeinmedizin«, über die Vorteile einer Weiterbildung in der Praxis unterhalten.

Dr. Katharina Weinert am Rande des Infotags »Praxis erleben« 2015: Sie ist Ärztin in Weiterbildung für Allgemeinmedizin und zurzeit Weiterbildungsassistentin in einer Potsdamer Praxis. Zudem ist sie Mitbegründerin der Brandenburger Junge Allgemeinmedizin (BranJA), einer regionalen Gruppe der Junge Allgemeinmedizin Deutschland (JADe), die den Austausch zwischen jungen Ärzten in Weiterbildung fördert. Dr. Katharina Weinert erwartet derzeit ihr zweites Kind.

Frau Dr. Weinert, wir haben auf der Veranstaltung ein schönes Zitat aufgeschnappt: »Der Hausarzt ist halb Mediziner und halb Sozialarbeiter bzw. Psychotherapeut.«

Da ist ein bisschen was dran. Als Hausarzt hat man einen sehr intensiven Umgang mit den Patienten. Das liegt sicher nicht jedem.

Und warum haben Sie sich dann für die Allgemeinmedizin entschieden?

Ich habe während meines Medizinstudiums eine Famulatur in einer Hausarztpraxis gemacht. Schon da fand ich die Allgemeinmedizin sehr spannend, weil sie so breit gefächert ist. Außerdem finde ich, dass es eben dieser enge und persönliche Umgang mit den Patienten ist, der sehr bereichernd sein kann. Manchmal begleiten Sie Patienten ein ganzes Leben, vom Kindesalter bis zum Tod.

Und wann kam der Wunsch, sich ambulant weiterzubilden?

In der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin sind ambulante Weiterbildungsabschnitte vorgeschrieben, aber schon während meiner ersten Schwangerschaft konnte ich mir nicht mehr vorstellen, in der Klinik zu arbeiten. Die zahlreichen Nacht-, Bereitschafts- und Wochenenddienste waren für mich nicht machbar. Ich möchte ja nicht nur Ärztin sein, sondern auch Mutter. Für mich ist die Flexibilität in der Praxis einfach unschlagbar. 

Wie funktioniert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der ambulanten Weiterbildung?

Das funktioniert gut. Natürlich muss man sich organisieren, aber ich hatte immer das Glück, dass ich vieles direkt mit dem Praxisinhaber verhandeln bzw. absprechen konnte. Die Flexibilität, die das Familienleben manchmal erfordert, war dadurch gegeben.

Sie sind ja auch in einer Nachwuchsorganisation engagiert. Was macht die Junge Allgemeinmedizin Deutschland (JADe)?

Die Junge Allgemeinmedizin Deutschland ist ein bundesweites Netzwerk junger Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin und junger Fachärzte mit bis zu fünf Jahren Berufserfahrung, das 2008 von angehenden Allgemeinmedizinern gegründet wurde. Das Netzwerk fördert den persönlichen Austausch von Erfahrungen und Problemen, denn in der Praxis ist man oft Einzelkämpfer. Anders als in der Klinik fehlt hier häufig der kollegiale Austausch mit anderen Ärzten in Weiterbildung. Viele fühlen sich mit der Weiterbildungssituation allein gelassen. Das muss nicht sein. 

Wie fördern Sie den Austausch?

Über Online-Foren, aber auch Stammtische regionaler Gruppen, wie die Brandenburger Junge Allgemeinmedizin (BranJA), wo ich selbst Mitglied bin. Mittlerweile hat JADe rund 1.000 Mitglieder. 

Mit welchen Anliegen wenden sich die jungen Ärzte in Weiterbildung an JADe? 

Viele haben konkrete Fragen zur Weiterbildung: Wie bereite ich mich auf die Facharztprüfung vor? Welche Fristen muss ich beachten? Wir reden aber auch über fachliche Fragen, die man sich vielleicht nicht traut seinem Chef direkt zu stellen. Man kennt das aus dem Studium: Lieber erst mal einen Kommilitonen fragen, bevor man sich mit einer vermeintlich einfachen Frage vor dem Prof blamiert. 

Zum Beispiel?

Es gibt seltene Krankheitsbilder, die hat man plötzlich zum ersten Mal »in echt« vor sich. Da ist man einfach neugierig: Hatten die Kollegen schon ähnliche Fälle? Wie gehen die damit um? Dieser kollegiale Austausch ist in der Weiterbildung ebenso wichtig wie der mit erfahrenen Fachärzten.

Keine Planungssicherheit, hoher Bewerbungsstress und die Vorbereitung auf die Facharztprüfung: So eine Weiterbildung in der Praxis hört sich für viele erst mal nicht verlockend an.

Dabei klingt es schlimmer als es ist, wenn Sie ein bisschen planen – soweit ich das für Brandenburg beurteilen kann. Hier besteht ein hoher Bedarf an Allgemeinmedizinern und es gibt keine Probleme mit der IPAM-Förderung (=Initiativprogramm Allgemeinmedizin), sodass Sie sich die Weiterbildungsstellen oft aussuchen können. Und wenn Sie Ihre Weiterbildung nicht allein organisieren möchten, besteht ja auch die Möglichkeit sich einem Netzwerk für  Verbundweiterbildung anzuschließen. Dann sollte auch dann für nahtlose Übergänge zwischen den Stellen gesorgt sein. Und die Facharztprüfung steht ja auch an, wenn Sie in der Klinik arbeiten.

Welche weiteren Vorteile hat die Verbundweiterbildung?  

Ein entscheidender Vorteil ist, vor allem wenn Sie eine eigene Familie haben oder anderweitig ortsgebunden sind, dass Sie nicht so oft umziehen müssen. Das Angebot des Verbundes konzentriert sich meistens auf einen Ort bzw. eine kleine Region. Zudem werden häufig Fortbildungsveranstaltungen als fester Bestandteil der Weiterbildung integriert.

Gibt es einen idealen Weiterbildungsweg für Allgemeinmediziner?

Das Schöne am Fach Allgemeinmedizin ist ja, dass es hier so viele Freiheiten gibt. Ein idealtypischer Weiterbildungsweg würde diese Freiheiten wahrscheinlich nur einschränken.

Woran könnte es liegen, dass junge Absolventen trotz der Freiheiten in der Niederlassung lieber in die Klinik gehen? 

Das ist der gängige Weg, der sich über die Jahre etabliert hat. Zudem sind die Berührungspunkte mit dem ambulanten Bereich im Studium nach wie vor gering. Dabei wird ein Großteil der Patienten ambulant behandelt. Was speziell ein Problem für die Allgemeinmedizin, also die größte Gruppe niedergelassener Ärzte, war: Sie war in der Lehre lange Zeit unterrepräsentiert.

Welchen Tipp geben Sie jungen Medizinern?

Habt keine Angst vor der Weiterbildung in der Praxis! Mit ein bisschen Organisation geht alles. Doch was viel wichtiger ist: Man sollte die Ansprüche an sich selbst überprüfen. Oft will man seine Rolle als Mutter/Vater, Ärztin/Arzt und Partnerin/Partner immer zu 100 Prozent ausfüllen – am besten gleichzeitig. Das ist verständlich, führt aber dauerhaft zu Überlastung. Setzen Sie Prioritäten, teilen Sie sich Ihre Zeit so ein, dass Sie den Kopf mal freikriegen. In der ambulanten Weiterbildung ist das möglich.