»Ich musste mit der Niederlassung einen neuen Beruf erlernen«

»Ich musste mit der Niederlassung einen neuen Beruf erlernen«

»Was passiert beim Urologen?« Dieser Frage ist Dr. Christoph Pies im gleichnamigen Buch mit viel Wortwitz nachgegangen. Im Interview erzählt er von den Reaktionen darauf, spricht über seine Promotion in vier Anläufen und über die Chancen und Risiken der Niederlassung.

»Ich musste an einem gewissen Punkt erkennen, dass die Kliniktätigkeit mit einem funktionierenden Familienleben schwer vereinbar war. Daher der Schritt in die Selbständigkeit«, sagt Dr. Christoph Pies.

Herr Dr. Pies, was sind die größten Vorurteile über die Urologie?
Die Urologie wird leider oft mit Scham und Ekel in Verbindung gebracht. Scham, weil wir uns mit Grundfunktionen wie Wasserlassen und Sexualität beschäftigen, Ekel, weil dann auch noch die dazugehörigen Körpersäfte ins Spiel kommen. Potenziert wird die Angst, wenn der Arzt den urologischen Organen von vorne oder von hinten zwecks Untersuchung näher rücken möchte.

Und was trifft davon zu?
Rein gar nichts. Es kommt auf den Umgang damit an. Schließlich betreffen diese Funktionen uns alle. Natürliche Vorgänge, die einen natürlichen Umgang verdienen. Und die Urologie hat ja auch noch viel, viel mehr zu bieten.

Warum haben Sie sich für die Urologie entschieden?
Es gibt keine attraktivere Fachrichtung als die Urologie. Sie hat mich schon früh in ihren Bann gezogen. Das Tolle an dem Fachgebiet ist, dass wir alles eigenständig machen. Von der Urindiagnostik und Blutuntersuchungen über Ultraschall und Röntgen bis hin zu Spiegelungen. Auch bei der Therapie umfasst das Spektrum Schnittoperationen und endoskopische Eingriffe ebenso wie medikamentöse Behandlungen bis hin zur Krebstherapie. Wir sind also Vielfach-Fachärzte: Laborarzt, Radiologe, Operateur, Endokrinologe, Psychotherapeut, Onkologe. Die gesamte Medizin konzentriert auf wenige und sehr interessante Organe, die viel mit Lebensqualität zu tun haben. Was will man denn als Arzt mehr?

In ihrem Buch schreiben Sie, dass viele Medizinstudenten nicht wissen, was die Urologie alles zu bieten hat. Was wäre das denn zum Beispiel?
Bei Medizinstudenten und -studentinnen mag es eine ähnliche Abneigung oder Unwissenheit geben wie in der Allgemeinbevölkerung. Urologe gleich Prostata gleich Mann, so das Klischee. Aber wir behandeln auch einnässende Kinder, Vorhautengen, angeborene Fehlbildungen, Nierensteine, Harnwegsinfektionen, Hormon- und Fruchtbarkeitsstörungen und vieles mehr. Es gibt ja auch große Schnittmengen zu Fachgebieten wie Gynäkologie oder Kinderheilkunde

Können Sie sich noch an den Titel Ihrer Promotion erinnern?
Oh ja, ein schwieriges Thema. Erst im vierten Anlauf hat es geklappt. Eine kurze Historie, um die Schwierigkeiten zu verdeutlichen: Die erste Arbeit Mitte der 90er Jahre in der Neurochirurgie ist daran gescheitert, dass der betreuende Oberarzt einen Chefarztposten in den neuen Bundesländern übernommen hat. Bei der zweiten Arbeit habe ich ein urologisches OP-Verfahren untersucht, das aber während des Schreibens sozusagen »vom Markt genommen« wurde. Die dritte medizinhistorische Arbeit handelte von der Familie Pies, auf die das Wort »piesacken« zurückgeht. Schließlich habe ich eine retrospektive Fleißarbeit in der Urologie zum Thema »Blasendruckmessungen« gemacht. Meiner Meinung nach müsste die derzeitige Promotionspraxis in Deutschland überarbeitet werden. Mit Abschluss des Studiums hat man sich einen Titel verdient. Und wer wissenschaftlich arbeiten möchte, sollte weitere Titel aufsatteln können.

Angenommen, Sie wären noch einmal Student: Was würden Sie anders machen?

Das Thema Promotion haben wir ja schon angesprochen. Diese würde ich nicht studien- oder arbeitsbegleitend machen, sondern dafür ein ganzes Semester investieren. Außerdem kann ich nur empfehlen, schon früh viele Praktika zu machen, um seine wirklichen Interessen herauszufinden. So bin ich zur Urologie gekommen. Mit Beginn der praktischen Tätigkeit würde ich mir heutzutage genauer definieren, was ich mittelfristig erreichen möchte und dieses Ziel noch stringenter verfolgen.

Nach Ihrer Fachausbildung waren Sie Oberarzt an einer Kölner Klinik. Dann haben Sie sich bei Aachen in einer Gemeinschaftspraxis niedergelassen. Was hat Sie dazu bewogen?
Die Arbeit in der Klinik war großartig. Wir waren ein tolles Team und wurden sehr gefördert, aber auch gefordert. Entsprechend schnell kam man in der Karriereleiter voran. Jedoch musste man an einem gewissen Punkt erkennen, dass die Kliniktätigkeit mit einem funktionierenden Familienleben schwer vereinbar war. Daher der Schritt in die Selbständigkeit.

Worin sehen Sie die größten Unterschiede zwischen der Arbeit in der Klinik und der Gemeinschaftspraxis?

Ich musste mit der Niederlassung einen komplett neuen Beruf erlernen. Alles war anders. Statt großer Operationen nun kleine und mittlere Eingriffe. Im ambulanten Bereich sieht man Patienten mit einem anderen Krankheitsspektrum, die Arbeitstaktung ist viel geballter, dafür hat man mehr Freizeit. Und natürlich: plötzlich steht man alleine in der Verantwortung, sowohl medizinisch als auch betriebswirtschaftlich. Eigentlich müsste in die Facharztausbildung ein Praxisjahr integriert werden, um besser darauf vorbereitet zu sein. Dennoch kann ich diesen Schritt nur empfehlen.

Wie voll ist ihr Schreibtisch, wenn Sie nach Hause fahren?
Der ist leer, immer.

War das mal anders?
Natürlich. Das ist ein Lernprozess. Im Laufe der Jahre wird man immer besser organisiert und effektiver. Man lernt, das Berufliche vom Privaten besser zu trennen.

In Ihrem Buch schreiben Sie mit sehr viel Wortwitz und Humor. Wie viel Humor ist in Patientengesprächen erlaubt?
Humor ist immer erlaubt, sogar sehr hilfreich. Die Dosis jedoch ist sehr individuell und stark von der Situation, der Atmosphäre, der Erkrankung und der Persönlichkeit des Patienten abhängig.

Gab es unerwartete Reaktionen auf ihre Buchveröffentlichung?
Unerwartet für mich war, dass ich bislang nur positives Feedback bekommen habe. Und viele waren erstaunt, dass ich neben Familie, Job und Hobbys noch Zeit für dieses Projekt fand. Aber ich habe es mit Leidenschaft verfolgt und umgesetzt.

In Ihrer Danksagung bitten Sie darum, dass Ihnen Patienten und Kollegen ihre Sprüche schicken. Welcher dieser Sprüche ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?    
Ja, ich würde gerne weiter sammeln und erhalte auch schon Rückmeldungen. Leser schicken mir Sprüche, Cartoons, Urologenwitze. Besonders gefreut habe ich mich über einen pensionierten orthopädischen Kollegen, der wenige Tage nach der Buchveröffentlichung bereits einen handgeschriebenen Zettel mit seinen eigenen Erlebnissen in der Praxis abgab.