»Ein Mix aus 50 Shades of Türkis und harter Arbeit«

»Ein Mix aus 50 Shades of Türkis und harter Arbeit«

Frank Kortenhorn ist Facharzt für Innere Medizin und verbringt sechs bis acht Wochen im Jahr als Schiffsarzt auf See. Im Interview erklärt er, warum ein Job auf einem Kreuzfahrtschiff wenig mit Urlaub zu tun hat und wie er sein »Hobby« mit dem Praxisalltag vereinbart.

Herr Dr. Kortenhorn, wie sind Sie Schiffsarzt geworden?
Frank Kortenhorn: Meine Frau und ich sind vor einigen Jahren auf eine
Schiffsreise eingeladen worden. Zunächst dachte ich »Das ist doch was für alte Leute«, aber dann wurde es doch zu einer unvergesslichen Reise. Jeden Tag einen anderen Hafen und eine neue Stadt zu erkunden, das war traumhaft. Auf die Arbeit als Schiffsarzt wäre ich alleine nicht gekommen. Doch durch die Reise war mein Interesse geweckt und ich bewarb mich einfach bei einer Kreuzfahrtgesellschaft. Die wollten mich sogar gleich einstellen, aber mir wurde schnell klar, dass Schiffsarzt als Vollzeitjob nicht mit meinem Familienleben zusammenpasst.
Durch Zufall stieß ich dann auf TUI Cruises, die medizinisches Fachpersonal auch für kürzere Zeiträume einstellen.

Und wie ging es weiter? Einmal Weiterbildungsworkshop und dann »Schiff ahoi«?
Nein, so einfach geht das zum Glück nicht. (lacht) Man muss einiges an Qualifikationen mitbringen. Ein gesondertes Medizinstudium für angehende Schiffsärzte gibt es nämlich nicht. Das heißt, man muss schon mehrere Jahre fachärztliche Erfahrung mitbringen, idealerweise als Internist, Allgemeinmediziner, Anästhesist oder Chirurg mit den Fachkunden Notfallmedizin und Strahlenschutz. Verschiedene Unternehmen bieten Schiffsarztkurse auf einem Schiff an, hier lernt man die vielschichtigen Aufgaben und Verpflichtungen kennen. Auch Kommandoketten auf Schiffen muss man kennen und verinnerlichen, denn als Schiffsarzt gehört man automatisch zu den Top 10 der Schiffsführung – das lässt man sich vorher gar nicht richtig durch den Kopf gehen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Schiffsarzt aus?
Das Team besteht aus zwei Ärzten, zwei Krankenschwestern und einer Arzthelferin.
Gearbeitet wird im 24-Stunden-Schichtbetrieb, jeweils gefolgt von einem freien Tag. Man ist sowohl für die Passagiere als auch für die Crew zuständig und hat für beide eigene Sprechstunden – dazu kommen dann noch Notfälle und Rufbereitschaft. Ich bin sozusagen der Hausarzt von circa 1.000 Mann Besatzung und bis zu 2.700 Passagieren sowie Notarzt in Personalunion. Das ist knallharte Arbeit. 40 bis 60 Patienten in der Sprechstunde pro Tag sind völlig normal, dazu kommen Notfälle wie Schnittverletzungen, Knochenbrüche, Infekte, aber auch lebensbedrohliche Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

© privat

Was ist für Sie der Reiz am Job?
Also auf jeden Fall die »50 Shades of Türkis«. (lacht) Damit meine ich einfach die Vielfalt dessen, was es seeseitig zu entdecken gibt. Nicht nur das türkisfarbene Meer der Karibik und die Strände natürlich, sondern auch die zahllosen Häfen, all die Kulturen und Menschen. Was mich aber wirklich überrascht hat, war der Zusammenhalt der Crew. Das hatte ich so nicht erwartet. Beides ist unheimlich motivierend, inspirierend und manchmal auch richtig spannend.

Gibt es ein Erlebnis auf See, dass Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gab selbstverständlich berufsbedingte Extremsituationen. Während meines letzten Einsatzes hatte ich zum Beispiel zwei Reanimationen innerhalb von 24 Stunden – bei zwei verschiedenen Patienten. Das war auf der Strecke Oslo – Kiel. Man weiß, dass etwas besonders Ernstes passiert ist, wenn nachts schiffsweit der Gong ertönt. Im ersten Fall waren wir auf halber Strecke zwischen Oslo und Kopenhagen. Die erste Entscheidung, die ich nach der primär erfolgreichen Reanimation treffen musste: Welchen Hafen fahren wir an? Wir sind dann mit maximaler Geschwindigkeit nach Kopenhagen durchgefahren, wo der Patient später operativ versorgt werden konnte. Am nächsten Nachmittag ertönte dann wieder der Gong. Eine zweite Reanimation, kurz vor Kiel. Zum Glück ist es für beide Patienten gut ausgegangen.

Einmal von den Extremfällen abgesehen, was sind die häufigsten Diagnosen an Bord?
Das sind meist Erkältungskrankheiten und verschiedenste Magen-Darm-Infektionen. Abgesehen von Notfällen aller Art also keine außergewöhnlichen Erkrankungen.

Wenn Sie nicht auf hoher See sind, ist Ihr eigentlicher Lebensmittelpunkt
die Insel Wangerooge, wo Sie Ihre Praxis betreiben. Wie lässt sich beides miteinander vereinbaren?

Da ich mir in einer Praxisgemeinschaft mit einem Kollegen »die Insel teile«, arbeiten wir immer im wöchentlichen Wechsel. Das heißt, wenn der eine im Dienst ist, darf der andere nicht arbeiten. So komme ich auf 60 Tage im Quartal. Das hilft schon einmal ein wenig bei der Planung. Während eines Einsatzes auf dem Schiff habe ich immer jemanden, der mich in der Praxis vertritt.

Würden Sie Ihre Tätigkeit als Schiffsarzt weiterempfehlen?
Das ist wirklich eine Typfrage. Das Ganze ist kein Urlaub, auch wenn man natürlich viel von der Welt sieht und spannende Einsätze hat. Man trägt Verantwortung
für 3.700 Menschen und muss manchmal in Windeseile Entscheidungen treffen,
die man in einer normalen Praxis nie treffen müsste. Aber für Ärzte, die Abwechslung mögen und sich neuen Herausforderungen stellen wollen, wartet eine großartige Lebenserfahrung. Hauptsache man ist nicht mehr grün hinter den Ohren und fachlich breit aufgestellt. Mir persönlich gibt dieses »Hobby« sehr viel und ich zehre sehr lange davon, wenn ich wieder auf Wangerooge bin. Bei der Rückkehr merke ich dann oft, wie sehr mich der letzte Törn verändert hat. In die Welt hinauszuziehen eröffnet einfach ganz neue Perspektiven auf Dinge des Alltags.