Beruf und Kind

»Wenn der Babysitter bestellt ist, muss man aus dem Haus gehen.«

Dr. Valeska Müller ist niedergelassene Augenärztin und Mutter einer kleinen Tochter. Die Arbeit in ihrer Praxis bekommt sie mit Kind und Kegel prima unter einen Hut.

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Dr. Valeska Müller ist niedergelassene Augenärztin und Mutter einer kleinen Tochter. Die Arbeit in ihrer Praxis bekommt sie mit Kind und Kegel prima unter einen Hut. (© Ralph Penno)

Wer aus dem Aufzug des Ärztehauses ganz in der Nähe Kurfürstendamms tritt, ist zunächst überrascht. Denn nichts vom Lärm der Straße im Berliner Bezirk Charlottenburg dringt in das lichtdurchflutete Wartezimmer der Augenarztpraxis von Dr. Valeska Müller. Auch von der Hektik der Großstadt fehlt hier jede Spur: Trotz des straffen Zeitplans während der Sprechstunde wird mit den Patienten gescherzt und gelacht, fürsorglich wird ein älterer Herr aus dem Wartezimmer hinausbegleitet. Für die wichtigen Dinge nimmt man sich hier Zeit, auch wenn sie nicht zur Arbeit gehören.

Das ist nicht nur in der Praxis von Dr. Valeska Müller so, sondern auch in ihrem Leben. Im Dezember 2014 kam ihre Tochter Carolin zur Welt, ein absolutes Wunschkind. Damit weder sie noch die Arbeit leiden, ist Valeska Müllers Alltag gut durchgeplant, vor allem, seit sie im Februar nach einer Auszeit wieder in ihrer Augenarztpraxis arbeitet – in Teilzeit. Sie hat eine Fachärztin gefunden, die während der Erziehungszeit bei ihr angestellt ist und bis Ende 2018 in der Praxis bleiben wird.

An Wochentagen kommt sie gegen 14 Uhr von der Arbeit nach Hause, danach steht der ganz normale Familienalltag an. Einkaufen, Spielplatz, Geschichten vorlesen, das Bettgehprogramm. „Deshalb habe ich ja ein Kind, ich freue mich darauf und das ist mein Lebensinhalt“, sagt sie.

„Auf die Arbeit in der Praxis freue ich mich allerdings auch, es ist schön auch mal normale Antworten zu bekommen und nicht nur ‚Nein’ und ‚weg’. Das sind gerade die Lieblingsbegriffe meiner Tochter“, erzählt sie. Zurzeit wird Carolin von einer Nanny betreut, wenn Valeska Müller in der Praxis arbeitet, im Oktober beginnt dann die Eingewöhnung in der Kita. „Weil ich weiß, dass sie vormittags gut betreut wird, war die Rückkehr in die Praxis nicht stressig. Ich mache den Beruf gerne – und das ist gerade die eigentlich die perfekte Lebensgestaltung für beides.“

Auszeit nach der Geburt – Vorteil Niederlassung

„Ich habe die Zeit zu Hause mit meinem Kind sehr genossen, für mich war es die erste längere Pause seit meiner eigenen Kindheit“, erinnert sich Valeska Müller an ihre Elternzeit. Dass sie nach der Geburt ein gutes Jahr zu Hause bei ihrem Kind bleiben wollte, stand für die Ärztin von Anfang an fest. Dabei kam ihr die Arbeit in der eigenen Praxis durchaus zu Gute: Die Dienstpläne aus ihrer Zeit im Krankenhaus hat sie nie vermisst. „Ganz ehrlich, das war ein Grund für mich, in die Niederlassung zu gehen. Ich habe da auch kräftemäßig keine Perspektive gesehen, das war schon eine extreme Belastung zu meiner Zeit. Da gab es 36-Stunden-Schichten, die man absolvieren musste, und was den Schlafentzug betrifft, fällt mir das sogar jetzt mit meiner Kleinen fast leichter“, erzählt sie.

Die Suche nach Ärzten, die sie während ihrer Auszeit in der Praxis vertreten sollten, war allerdings eine echte Herausforderung. „Kollegen haben mir empfohlen, Senioren zu fragen, ob sie eine Vertretung übernehmen. Das war ein sehr guter Rat.“ Ein anderer Tipp: Nicht nur nach einem, sondern gleich nach zwei Kandidaten Ausschau zu halten, die sich die Arbeitswoche untereinander aufteilen können. „Das ist mir letztlich auch gelungen. Ich habe zwei sehr nette Kollegen für die Vertretung gefunden. Eigentlich fast in letzter Sekunde, bis zum Schluss war das eine große Aufregung“, erzählt Valeska Müller lachend.

Obwohl die beiden Vertretungsärzte die Arbeit in der Praxis sofort aufnehmen konnten, war die Zeit vor der Geburt dennoch turbulent. „Kurz vor meiner Entbindung bekam eine Mitarbeiterin aus meinem Praxisteam ein Beschäftigungsverbot, weil sie ebenfalls schwanger war. In der Kombination mit den Vertretungsärzten war das schwierig, da musste ich quasi aus dem Kreissaal heraus noch einen Ersatz finden. Ich habe dann wirklich im Wochenbett Personal gecastet.

Zeit für sich einplanen.

Heute funktioniert der Alltag vor allem, weil er gut organisiert ist – dadurch ist zwar die Spontaneität in ihrem Leben weniger geworden, doch so richtig verändert hat sich etwas Anderes. „Eigentlich sind es ganz einfache Dinge, die man sich überlegen muss: Wie viel will ich arbeiten? Wer betreut das Kind?“ Irgendwann ist ihr aufgefallen: „Hey, da fehlt was!“ Bei der ganzen Planung war keine Zeit für sie selbst übrig. Heute geht Valeska Müller wieder einmal pro Woche zum Sport. „Wenn ich einen Abend Zeit für mich habe, bin ich viel ausgeglichener.“ Eine Verabredung absagen, weil man doch keine große Lust mehr hat, etwas zu unternehmen, kommt fast gar nicht mehr vor. „Wenn der Babysitter bestellt ist, muss man aus dem Haus gehen.“