Niederlassungsoptionen

»Anfangs wurden wir belächelt«

Welcher Arbeitsweg ist dir lieber: Gedrängel zwischen den Menschenmassen in der U-Bahn – oder Stille über nebligen Feldern, durch die höchstens ein Reh springt? Jona und Marcus Ober wissen beide, dass die Großstadt langfristig nichts für sie ist. Deshalb planen sie seit Jahren die gemeinsame Selbständigkeit: Als Landärzte wollen sie sich an der Ostsee niederlassen.

Zukunftsplan Selbständigkeit: Jona und Marcus Ober möchten sich mit einer allgemeinmedizinischen Praxis an der Ostsee niederlassen. © Chris Noltekuhlmann

Lesezeit: 2 Minuten

Dr. Marcus Ober, 29, ist im vierten Weiterbildungsjahr Innere Medizin und in einer Klinik am Bodensee angestellt. Jona Ober ist 27 und arbeitete, als wir mit ihr sprachen, gerade in der Schweiz: ein Jahr als Assistenzärztin in der Chirurgie. Die beiden sind zwar verheiratet, sehen sich durch die vielen Dienste und langen Wege aber kaum. Das soll sich ändern, wenn sie sich mit einer allgemeinmedizinischen Praxis auf dem Land niederlassen. Als Landärzte in Ostholstein oder auf Fehmarn praktizieren, lautet ihr Ziel. Seit langem stehen sie deshalb mit einem Hausarzt vor Ort in Kontakt.

»Man muss mit ganzem Herzen dahinter stehen«

Jona ist in Südhessen aufgewachsen, Marcus kommt ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern. Er kennt den Norden also, das weite, platte Land. »Ich mag die Entschleunigung«, sagt er, »wir suchen das Ruhige, das Ländliche.« Landarzt will er aus Überzeugung werden – und nicht, weil es zurzeit auch einige Förderprogramme gibt. »Geld und Quoten können zwar Anreize sein, funktionieren aber nicht richtig. Landarzt zu werden – hinter der Entscheidung muss man mit ganzem Herzen stehen,« sagt er.

Auf Jona und Marcus trifft das jedenfalls zu 100 Prozent zu. Als Unterstützer von »Lass dich nieder!« machen die beiden jetzt auch ganz offiziell das, was sie im Freundeskreis und an der Uni sowieso schon immer getan haben: für die Niederlassung werben. Früher seien sie wegen ihres Traums von der Landarztpraxis noch belächelt worden, erzählen sie. »Erst hieß es: Das ist doch nichts Richtiges«. Heute wechselten die ehemaligen Kommilitoninnen und Kommilitonen selbst zur Allgemeinmedizin und in die Praxis. Weil sie sehen, wie schwer es ist, in der Klinik die Work-Life-Balance zu finden – und wie ärgerlich es ist, das lang geplante gemeinsame Wochenende absagen zu müssen, weil kurzfristig mal wieder der Dienstplan dazwischenkommt.

»Auch Hausärzte sind Fachärzte!«

Jona und Marcus haben sich beim Studium in Magdeburg kennengelernt, im Histologiekurs, wo Marcus als Tutor jobbte. Eigentlich wollte er sogar Biochemie studieren. Die unsicheren Berufsaussichten ließen ihn aber umsteuern: »Ich suchte eine Naturwissenschaft, die den Lebensunterhalt sichert«, sagt er. So landete er schließlich bei der Humanmedizin. Promoviert hat Marcus dann in der Gastroenterologie und Endokrinologie, als Weiterbildungsassistent war er 18 Monate in einer internistischen Hausarztpraxis, in der die Diagnostik eine große Rolle spielte. Zu der Zeit hat er auch viele Palliativpatienten begleitet, oft mit Hausbesuchen. »Natürlich ist es ärgerlich, dass das nicht richtig bezahlt wird. Aber diese intensive Betreuung macht für mich einen Hausarzt aus.« Zudem war er zwei Jahre in einer Kaserne in Sachsen-Anhalt ärztlich tätig. »Vom Schnupfen bis zur Leberfleckentfernung hat man da wie in der Hausarztpraxis alles gesehen«, erinnert er sich. Anders ausgedrückt: Marcus weiß, worauf er sich einlässt.

So wie Jona, für die sich mit der eigenen Praxis quasi ein Kindertraum verwirklicht: Schon in ihrer Kindheit und Jugend habe ihre Hausärztin sie geprägt, erzählt sie. Im Studium interessierte sie sich dann vor allem für die konservative Orthopädie. Tatsächlich sei der Alltag dort oft ausschließlich von Operationen geprägt – und nicht von Diagnostik, Therapie und Rehabilitation, was sie eigentlich interessiert. In den letzten Jahren hat sie außerdem gelernt: »Man muss nicht Orthopäde sein, um Sportmediziner zu werden. Auch in der Hausarztpraxis kann man entsprechend Schwerpunkte setzen.« Das Verknüpfen und Filtern von Informationen findet sie an der Tätigkeit als Allgemeinmedizinerin besonders reizvoll: »99 Patienten haben Husten und Schnupfen – aber einer hat es nicht. Das ist pure Medizin, auch mal ohne die doppelte Absicherung über Röntgen und Labor.« Und was gefällt ihr an der Rolle als Hausärztin? »Wenn jemand gefragt wird, wer sein Arzt ist, dann nennt er doch den Namen seines Hausarztes«, sagt Jona. »Man ist der Familienbetreuer.« Die Frage »Hausärztin oder Fachärztin?« findet sie allerdings falsch – das Bild, dass es auf der einen Seite Hausärzte gebe und auf der anderen Fachärzte, stört sie. Zeit für einen Imagewandel: »Der Hausarzt ist auch ein Facharzt und Allgemeinmedizin ist eine Facharztspezialisierung«, betont sie. »Die Ausbildung zum Hausarzt nach dem Studium dauert mehrere Jahre.«

»Über Geld spricht man nicht. Schade.«

Was ihr dabei aktuell zu kurz kommt, sind die unternehmerischen Aspekte. Betriebswirtschaftliche Elemente, Verwaltung – das möchte sie gern noch vertiefen. »Wir haben festgestellt, dass auch Hausärzte ihre eigene Rechnung oft nicht lesen können«, sagt sie – und hat sich deshalb schon jetzt mit den Schulungsangeboten und dem Kursprogramm der KVen auseinandergesetzt. Auch einen Fernstudiengang in Health Management könnte sie sich vorstellen. »Es gilt immer noch: Über Geld spricht man nicht. Das ist schade.« Was sie sich sonst noch wünscht? An den Unis, ist sie sich mit Marcus einig, gebe es noch Defizite. Allgemeinmedizin sei zwar Lehrfach, die Lehrstühle aber oft nicht gut ausgestattet. Und Zwang funktioniere nicht, um die Nachwuchsprobleme in den Griff zu bekommen. »Dabei ist Hausarzt doch ein wahnsinnig vielseitiger Job.«