»Mein Ideal ist der moderne Hausarzt«
Allgemeinmedizin

»Mein Ideal ist der moderne Hausarzt«

Ronja Ramien absolviert das erste Jahr der Facharztausbildung in der Allgemeinmedizin. Wir treffen die 27-Jährige am Vormittag – da hat sie gerade einen 24-Stunden-Dienst in einer Berliner Klinik hinter sich. Uns hat sie erzählt, warum Hausärztin schon von klein auf ihr Traumjob ist.

© Chris Noltekuhlmann

Ronja hat im Modellstudiengang an der Charité Berlin studiert. Das Besondere daran ist der Patientenkontakt ab dem ersten Semester, schon ab dem vierten, fünften Semester geht es in den Kursen ganz konkret um die Niederlassung. Ronjas Berufswunsch hat das nicht geprägt – aber es hat sie bestätigt: »Ich wollte schon immer in die Praxis. Das Studium hat mir gezeigt, dass das was für mich ist.« Für rund die Hälfte ihrer Kommilitonen sei das eine attraktive Option, schätzt sie. Schließlich könne man sich den Arbeitsalltag in der Niederlassung selbst gestalten.

Warum die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte trotzdem Nachwuchssorgen haben? Ronja glaubt, dass vielen einfach das Wissen fehle – und damit der Mut, den letzten Schritt zu wagen. Es sei deshalb wichtig, Studierenden und Weiterbildungsassistenten die Ängste zu nehmen, vor allem vor der Bürokratie und dem Finanziellen. »Außerdem fehlen die Vorbilder«, sagt sie. »Hausärzte sind oft recht alt, und beim Schlagwort »Hausarzt« haben viele das Bild eines älteren Mannes vor Augen.« So falle es wahrscheinlich manchem schwer, sich damit zu identifizieren.

Ronja geht es da anders. Sie erinnert sich: »Ich hatte als Kind immer Angst beim Arzt – wollte aber trotzdem einer werden.« Vielleicht, vermutet sie, weil ihre Ärztin so viel Verständnis hatte und liebevoll mit ihren kleinen Patienten umging. Wenn sie heute an ihre spätere Praxis denkt, hat sie eine kleinere Gemeinschaftspraxis im Kopf, nicht zu unübersichtlich, mit ein bis zwei Kollegen – so, dass immer jemand verfügbar ist, den man fragen kann. »Ich bin zwar kein Büromensch, aber ein bisschen Papierkram stört mich auch nicht«, sagt sie. »Selbst wenn ich mir vorstellen kann, vorerst auch nach dem Facharzt angestellt zu arbeiten: Auf längere Sicht will ich eine eigene Praxis.«

Am schwersten sind oft die einfachsten Dinge

Schon während der Famulatur und im Praktischen Jahr hat Ronja Praxisluft geschnuppert. »Ich bin da morgens gern hingegangen«, erinnert sie sich. Genau das ist ihr auch später in ihrem Berufsalltag wichtig: Freude an der Arbeit zu haben. Und nicht zu lange zu pendeln. »Ich bin zum Studieren aus Bremen nach Berlin gekommen und will hier auch bleiben. An den Stadtrand zu ziehen, kann ich mir schon vorstellen – weiter raus aber nicht.« Wenn dann noch Zeit bleibt und weil der Kontrast sie reizt, möchte sie gern noch Rettungsdienste übernehmen.

Rettungsdienst – das klingt nach Nervenkitzel. Warum dann ausgerechnet Hausärztin? Die Antwort kommt schnell: »Weil es so vielfältig ist.« Im Studium, sagt Ronja, habe sie gemerkt, dass sie eigentlich keines der weiter spezialisierten Fächer den Rest ihres Lebens ausschließlich machen möchte. Ihre jetzige Arbeit im Krankenhaus zeigt ihr das erneut. »Gerade in der Inneren sind die Bereiche sehr spezialisiert. Da ist man Kardiologe, Gastroenterologe, Endokrinologe und so weiter. Mir ist wichtig, später in der Praxis nicht nur isoliert das Problem zu betrachten, sondern das private und berufliche Umfeld mitzudenken.« Ihr Gedanke dahinter: Wie man mit dem Patienten umgeht, muss zu dessen Leben passen. Dann stünden die Chancen besser, dass die Therapie und die Ratschläge auch wirken. Sie ist sich aber auch bewusst: Die einfachsten Dinge sind oft die schwersten, wenn es um zum Beispiel um die richtige Ernährung und Bewegung geht. »Es gibt nicht den perfekten Menschen.« Und so werde eben auch nicht alles immer 1:1 angenommen und umgesetzt.

Die richtige Balance finden: Nähe zulassen, Distanz wahren

Ihr Ideal bezeichnet sie als »modernen Hausarzt«: »Das ist keiner, der von acht bis zwölf und von drei bis sechs am Schreibtisch sitzt und die Patienten schnell an den Facharzt überweist, wie es bei manchen das Klischee ist. Ich will gern flexible Öffnungszeiten anbieten, eine Abendsprechstunde, um so auch junge Patienten zu erreichen. Damit die nicht gleich in die Rettungsstelle gehen, wenn sie mal krank sind.« Natürlich sei sie genauso für ältere Patienten da. Ronja will aber auch der Vorsorge, beispielsweise den Checkups, hohen Stellenwert einräumen. »Eben Medizin für die ganze Familie. Wichtig ist mir, dass mir die Leute auch ihre Probleme berichten ohne Sorge vor Vorverurteilung.«

In Ronjas Familie gibt es sonst keine Ärzte. Sie wird deshalb schon heute bei medizinischen Fragen zu Rate gezogen. Wie man damit umgehe, hänge auch von der Persönlichkeit ab. »Ich nehme die Probleme an, die mir berichtet werden. Man muss die Nähe zulassen können, darf aber die Probleme eben nicht zu seinen eigenen machen, so dass man darunter leidet. Das ist auch eine Typfrage.« Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass es nur den einen »Typ Hausarzt« gebe: »Es gibt ja auch verschiedene Patienten. Dann ist es umso besser, dass jeder die Ärztin oder den Arzt findet, der zu ihm passt.«