Interview

»Ein guter Arzt zu sein, reicht nicht aus«

Wegen eines Schreibblocks ließ er sich nieder: Die Bürokratie im Krankenhaus brachte Dr. Jürgen Zastrow zur Verzweiflung. Für den Kölner war damals klar, dass er mehr Freiheit im Beruflichen braucht. Hier berichtet er von seinem Schlüsselmoment – und wie er es heute schafft, gelassen zu bleiben, auch wenn sich auf seinem Schreibtisch die Patientenakten stapeln.

Dr. Jürgen Zastrow ist niedergelassener HNO-Arzt in Köln. In seinem Praxisteam arbeiten drei Fachärzte als Partner zusammen, dazu drei angestellte Ärztinnen und rund 15 weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sein Leitspruch: Mach dein Ding. Und: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. © privat

Herr Dr. Zastrow, Sie haben uns einige Tipps zum Praxismanagement gegeben. Wo haben Sie selbst organisieren gelernt?

Ich hatte sechs Jahre Gelegenheit, meinen Berufswunsch zu überdenken, weil ich auf einen Studienplatz warten musste. In der Zeit habe ich verschiedene Dinge gemacht, die mir im Nachhinein sehr zugute gekommen sind. Zuerst war ich Zeitsoldat bei der Bundeswehr, habe anschließend die Offiziersausbildung absolviert und erste Grundlagen in Personalführung und Management gelernt – mit 21 war ich für 120 Leute zuständig. Das ist für einen jungen Menschen sehr viel Verantwortung. Danach habe ich eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht und war Assistent im Vorstandsmanagement. Da lernt man eine Menge über Organisation. Ich bin also in die Medizin gekommen – und konnte schon organisieren. Insofern finde ich eine ergänzende Ausbildung nicht schlecht. Im Medizinstudium ist Organisation nämlich kein Thema.

Und wie sind Sie dann zur HNO gekommen?

In mehreren Famulaturen habe ich gemerkt, dass mir das Handwerkliche liegt. Also habe ich mich auf ein chirurgisches Fach festgelegt. Da kommt in der Niederlassung noch die Augenheilkunde in Frage, Orthopädie und Frauenheilkunde waren nicht mein Ding, und als Chirurg sind die Möglichkeiten in der Praxis doch eingeschränkt. Also ging ich in Richtung HNO. Mein Ziel war immer, mich in Köln-Riehl niederzulassen, wo ich auch geboren bin. Um die Praxis von meinem Vorgänger zu übernehmen, brauchte es dann noch die nötige Entschlossenheit. Manchmal kommt es eben auch darauf an: dass man etwas wirklich will. 

Gab es ein Schlüsselerlebnis dafür, dass Sie sich niedergelassen haben?

Ich war Funktionsoberarzt in einer städtischen Klinik. Wir mussten mit drei Assistenten quasi die Klinik schmeißen und die 24-Stunden-Dienste sicherstellen; es war unglaublich viel zu tun. Als ich dann einen Schreibblock brauchte und einen ohne Karos und Linien haben wollte, grinste mich der Mitarbeiter in dieser Ausgabestelle für Büromaterial nur an und sagte so etwas wie: »Ich weiß, was Sie vorhaben. Sie wollen sich auf unseren Schreibblöcken doch nur private Notizen machen. Das wissen wir aber zu verhindern. Wir geben nur die einfachen raus.« Nach 36 Stunden Dienst stand mir der Mund offen. Mein ganzes Leben fand ja in dem Krankenhaus statt! Und ich sollte über einen Schreibblock im Wert von 20 Pfennigen diskutieren? Ich habe mir ein weißes Blatt genommen und sofort nebenan beim Verwaltungsdirektor gekündigt. 

Ein großer Schritt.

Mir war klar: Es macht mir einfach unfassbar schlechte Laune, wenn ich mein Leben lang mit solchen Leuten zu tun habe. So viel Missachtung für das, was ich tue – das braucht kein Mensch.

Ist es in der eigenen Praxis dann besser geworden?

Natürlich! Weil ich entscheide, auf welchem Papier ich schreibe und was ich da aufschreibe. Das ist meine Freiheit im Alltag.

Sind Sie ein Unternehmertyp?

Ich habe eine Praxis mit 700 Patientinnen und Patienten übernommen – wir versorgen heute 4.500 Kassenpatienten und 1.000 Privatversicherte an zwei Standorten mit insgesamt sechs Ärzten. Das ist wohl Unternehmertum.

Braucht man diesen Unternehmergeist?

Ein guter Arzt zu sein, reicht jedenfalls nicht aus, wenn man sich niederlassen will. Man muss bereit sein, sich mit Organisatorischem zu befassen.

Und wenn das alles stresst – wie gehen Sie damit um?

Ich habe den ganzen Tag Stress, das ist ja erst einmal nicht negativ. Ich leide erst darunter, wenn ich vom Macher zum Gehetzten und vom Organisator zum Opfer meines eigenen Arbeitstages werde. Dann ist das Gefühl, selbst bestimmen zu können, weg. Wenn ich mehr als vier Patientenkarten vor mir liegen habe, geht das los – da werde ich zum Gehetzten. Deshalb muss man genau an der Stelle aussteigen.

Wie sieht so eine Auszeit aus?

Da gibt es viele Möglichkeiten, innezuhalten: eine Tasse Kaffee in der ruhigen Ecke. Auf der Terrasse drei Minuten in den Himmel gucken. Fünf Minuten mit geschlossenen Augen und geschlossener Tür in meinem Zimmer sitzen und meditieren. Den Moment nutzen: bei einer beruflichen Autofahrt ein Hörbuch hören zum Beispiel. Oder einfach mal in die Sonne schauen. Man muss es schaffen, die positiven Dinge zu sehen und zu genießen.

Wie geht das?

Man muss das lernen. Von alleine geht das nicht. Ich bin zum Beispiel auch eher ein Hitzkopf und musste lernen, mich zu disziplinieren. Der Umgang mit Stress ist außerdem eine Frage der Lebensbetrachtung. Liebe ich mein Leben? Liebe ich, was ich tue? Wenn ich das nicht liebe, dann muss ich was ändern.

Sie selbst haben in verschiedenen Konstellationen gearbeitet. In der Einzel- und in der Gemeinschaftspraxis, mittlerweile führen Sie eine überörtliche Gemeinschaftspraxis. Wachsen die Herausforderungen mit der Praxisgröße? 

Ich glaube: nein. Denn mit den Herausforderungen wachsen auch Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten. Ich glaube, ich habe heute mit diesem großen Laden nicht mehr Stress als damals als junger Arzt, der organisatorisch Fehler macht und unsicher ist. Als ich angefangen habe, war meine Mutter schockiert, wie viel Geld ich mir dafür leihen musste; sie fand das riskant. Als zuletzt ein Partner in unsere Gemeinschaftspraxis einstieg, musste der auch einen Kredit aufnehmen. Aber er profitierte eben von unserer Erfahrung. Es ist also sicher ein Vorteil, in eine bestehende Praxis einzusteigen. Dann kann man ja immer noch sein Ding machen.