Arbeitsbedingungen

Tatort Pathologie

»Die Ergebnisse aus der Pathologie liegen vor – es handelt sich um Mord.« Wer Krimis liebt, kennt diese Sätze bestimmt. Das Problem: Korrekt ist das oft nicht, was die »Experten« in Tatort und Co. von sich geben. Doch warum versetzen Drehbuchautoren die Fachärztinnen und -ärzte regelmäßig an falsche Arbeitsplätze? Wir gehen mit Dr. Katrin Schierle, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Pathologen, auf Spurensuche.

Zwei Fachrichtungen am Präpariertisch: Pathologie und Gerichtsmedizin unterscheiden sich grundlegend. © iStock / CastaldoStudio

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»Grundsätzlich kann man sagen, dass die Pathologie in Krimis nie eine richtige Pathologie ist – sondern immer eine Rechtsmedizin«, so Dr. Schierle. Zwar obduzieren beide Fachrichtungen tote Menschen, aber »Messerstiche, Projektile und Co. interessieren uns Pathologen erst mal nicht«. Die sind nämlich das Metier der Rechtsmediziner und -medizinerinnen, die dann Skalpell und Pinzette zücken, wenn ein gewaltsamer Tod passiert ist. Pathologen hingegen kommen beim natürlichen Tod zum Einsatz, um den Feind im eigenen Körper zu entlarven und diesen von »Hacke bis Nacke«, vom großen Zeh bis an den Scheitel auf organische Veränderungen hin zu untersuchen. »Wir müssen uns in jeder Ecke des menschlichen Körpers auskennen und arbeiten unter anderem mit verschiedenen Fachrichtungen zusammen: von der Dermatologie über die Onkologie bis zur Chirurgie. Aber eben nicht mit Polizeibeamten.«

Dr. Katrin Schierle ist im Vorstand beim Bundesverband Deutscher Pathologen. © Bundesverband Deutscher Pathologen e.V.

Übersetzungsfehler

Aber ist die Arbeit an Leichen der einzige Grund für die notorische Verwechslung? »Ich schätze, eine der Ursachen ist auch ein Übersetzungsproblem«, so Dr. Schierle. Denn in den USA heißen die Rechtsmediziner unter anderem »Forensic Pathologists« – forensische Pathologen. Wird bei der Übersetzung fälschlicherweise das Adjektiv gekürzt, arbeiten plötzlich Pathologen in der Gerichtsmedizin. Dass das nicht korrekt ist, erfahren sogar manche medizinischen Erstsemester erst bei der Berufsfelderkundung. Dr. Schierle: »Tatsächlich sind selbst einige Studierende überrascht von den Aufgaben der Pathologie. Einige erwarten ein Szenario à la Tatort.«

Gewebe, Hautknubbel, große Zehen

Dabei verbringen Pathologen den größten Teil ihrer Arbeit gar nicht am Präpariertisch, sondern am Mikroskop. »Alles, was man von oder aus einem Menschen heraus entfernen kann, kommt zu uns. Das kann ein Hautknubbel, die Gewebeprobe einer Knipsbiopsie oder ein großer Zeh sein.« Und das nicht nur von toten, sondern in der Regel von lebenden Patienten. Untersucht wird zum Beispiel, ob sich Entzündungen oder gar Krebszellen im Gewebe befinden. Begonnen wird dabei immer mit einer makroskopischen Betrachtung: »Wenn wir zum Beispiel ein Stück von der Brust mit einem Tumor erhalten, messen wir zuerst das Gewebe mit dem Tumor aus, wiegen es und untersuchen es auf weitere optische Auffälligkeiten.« Danach fertigen die medizinisch-technischen Assistenten histologische Präparate aus den Proben, die die Pathologen später mikroskopisch betrachten. Anschließend wird der Befund gemacht oder weitere Untersuchungen werden durchgeführt. Große Unterschiede zwischen der klinischen und ambulanten Pathologie gibt es dabei übrigens nicht. »Wir machen dasselbe in unterschiedlichen Räumen. Es gibt natürlich auch große und kleine Praxen oder auch Verbünde. Aber auch Pathologen in Niederlassung machen alles, von kleinen Präparaten bis zur Obduktion.« Eine weitere Gemeinsamkeit: Mit Patienten haben beide selten Kontakt. Was Pathologen von ihren Patienten wissen, sind meist nur Vorerkrankungen, Geburtsdatum, Name und Geschlecht.

Detektive ohne Mordfall

Das Bild vom einsamen Pathologen am Mikroskop ist übrigens ebenfalls eine falsche Fährte. Denn im Gegenteil: Die Arbeit in Teams ist in der Pathologie sehr wichtig. Alle bösartigen Befunde müssen mindestens zwei Pathologen sehen. »Ich sitze nicht alleine am Mikroskop und rattere meine Diagnosen herunter. Das ist schon ein Schutz für uns selbst und dient auch der Patientensicherheit.« Auch ein weiteres Vorurteil hält sich noch wacker: »Manche sagen, Pathologie ist nur etwas für die Toten. Aber das stimmt nicht,« so Dr. Schierle. Die Erkenntnisse, die Pathologinnen und Pathologen beim Obduzieren gewinnen, haben direkten Einfluss auf aktuelle Therapieverläufe. »Wenn ich Mist baue, erhält jemand eine falsche Therapie.« Jede Gewebeprobe ist wie ein komplexes Rätsel, das gelöst werden muss. »Als Pathologe muss man schon Spaß daran haben, jede Feinheit zu erkennen, zu tüfteln, bis man dann die richtige Lösung gefunden hat. In dem Sinne sind wir schon ein bisschen wie Detektive – nur ohne Mordfall.«