Arbeitsbedingungen

»Frauen in der Medizin verursachen Probleme? Im Gegenteil«

Einer Studie der Stiftung Gesundheit zufolge, schneiden Ärztinnen sowohl bei Patienten als auch bei ihren männlichen Kollegen in der Bewertung schlechter ab. Welche konkreten Erfahrungen machen Ärztinnen im Praxisalltag, zum Beispiel in der männerdominierten Hals-Nasen-Ohrenheilkunde? Dr. Ellen Lundershausen und Dr. Denise Lundershausen berichten.

Dr. Ellen Lundershausen, Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen, führt gemeinsam mit ihrer Tochter Dr. Denise Lundershausen seit 15 Jahren eine HNO-Praxis in Erfurt. © Stefan Tempes

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Dr. Ellen Lundershausen arbeitet knapp 30 Jahre in ihrer eigenen HNO-Praxis in Erfurt. Seit 2004 führt die Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen diese gemeinsam mit ihrer Tochter Dr. Denise Lundershausen. Seit kurzer Zeit ist auch die zweite Tochter mit eingestiegen und befindet sich in der Weiterbildung.

Einer Studie zufolge werden Ärztinnen schlechter bewertet als Ärzte. Kennen Sie beiden das aus eigener Erfahrung?

Dr. Ellen Lundershausen: »Ich kann die Erfahrung nicht teilen, dass ich als Ärztin im Praxisalltag nicht ernst genommen werde. Das war weder während meiner Aus- und Weiterbildung, noch während meiner Tätigkeit in Klinik und Praxis der Fall. In der DDR war es alltäglich, dass Frauen arbeiten. Wir waren zu dieser Zeit fast nur Frauen an der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule in Erfurt. Das war nichts ungewöhnliches, denn auch die Einstellung zur Frau im Beruf war eine andere. Was mir stark auffällt: Ich engagiere mich im Ärztekammersystem und bin in vielen Sitzungen eine der wenigen Frauen dort – immer noch. Da empfinde ich die Welt der Medizin zumindest an berufspolitischen Schaltstellen schon als männerdominiert. Während meiner Tätigkeit in der Niederlassung habe ich nie bemerkt, dass Patienten einen Unterschied zwischen Arzt oder Ärztin machen.« 

 

Dr. Denise Lundershausen: »Das sehe ich genauso. Ich habe auch nicht das Gefühl, als Ärztin im Alltag nicht ernstgenommen zu werden oder schlechter beurteilt zu werden als meine männlichen Kollegen. Während meiner Zeit in der Klinik sah das aber anders aus, da gab es eine klare Benachteiligung. Da hatten die Männer bessere Karrierechancen und kamen zum Beispiel eher ins OP-Programm. Vor mir waren auch einige andere Ärztinnen schwanger geworden. Als sie wieder ihren Dienst aufnahmen, mussten sie auf der Karriereleiter wieder ganz unten anfangen. Heute ergeht es vielen jungen Frauen im Krankenhaus immer noch so, da macht auch meine Schwester Anna-Teresa keine Ausnahme, die bald hier in die Praxis einsteigt. Als sie aus ihrer Elternzeit zurück in die HNO-Klinik einer Universitätsklinik gekommen ist, wurde auch sie an das Ende der Karriereleiter gesetzt.«


Wie steht es Ihrer Meinung nach generell um das Frauenbild in der Medizin?

Dr. Ellen Lundershausen: »Ich habe letztens die Aussage eines Kollegen gehört, dass wir große Probleme in der Medizin bekommen werden, weil so viele Frauen Ärztinnen werden. Da wird etwas schlecht geredet. Leider werden derartige Ansichten weitergetragen, wenn sie nur oft genug wiederholt werden. Da hören Sie Sätze wie ›Ach, die ist auch wieder schwanger‹, ›Die arbeitet ja nur noch auf einer halben Stelle‹. Dass es aber Männer gibt, die eine Dreiviertelstelle innehaben und die in die Elternzeit gehen, dass die junge Generation ganz anders tickt und gar nicht daran denkt, sich ausbeuten zu lassen, das wird gern übersehen. Man täte gut daran, das intelligente und empathische Potenzial junger Ärztinnen zu nutzen. Vielleicht sind ja Frauen die besseren Ärzte, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, wie beispielsweise flexible Öffnungszeiten von Kindergärten.«


Wie kam es dazu, dass Sie sich für eine gemeinsame Praxis entschieden haben? 

Dr. Ellen Lundershausen: »Ich habe die Praxis zunächst alleine geführt. Meine Tochter arbeitete zu dieser Zeit im Krankenhaus, machte ihre Facharztprüfung und bekam zeitgleich das erste Kind. Und in einer solchen Situation ist es für eine junge Frau schwierig, ihren Arbeitsvertrag verlängert zu bekommen. Zufällig gab gerade ein älterer Kollege hier in Erfurt seine Praxis ab. Denise hat sie übernommen und ist mit ihrem Sitz zu meiner Praxis gezogen. Das war der Start.«

 

Wie beurteilen Sie, Denise Lundershausen, Ihren Schritt in die Selbstständigkeit?

Dr. Denise Lundershausen: »Ich würde niemals zurück ins Krankenhaus gehen. Was ich nicht verstehe, ist, warum sich die jungen Leute nicht niederlassen. Es gibt viele, die in ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) flüchten oder im Krankenhaus bleiben. Das einzige, was man sich überlegen muss, ist der finanzielle Aufwand, den man am Anfang hat. Aber man ist ja auch bereit, einen Kredit für ein Haus aufzunehmen. Warum das Geld nicht für eine eigene Praxis einsetzen? Diese Freiheit, die Sie bei der Berufsausübung in eigener Praxis genießen, finden Sie nur dort. Eines möchte ich deshalb loswerden: Habt Mut euch niederzulassen! 


Sie sehen also viele Vorteile, die für eine Niederlassung sprechen, gerade auch als Frau?

Denise Lundershausen: »Ja, auf jeden Fall. Wir, also auch unsere Mitarbeiterinnen, haben zum Beispiel unsere Kinder mit in die Praxis gebracht, wenn es mal keine andere Lösung gab. Wenn man eine Praxis zu zweit führt, kann man sich die Arbeitszeit einteilen. Bei Urlaub spricht man sich genauso ab, wie bei den Öffnungszeiten. Das ist Luxus.«


Und Sie nutzen Ihre gemeinsame Arbeit, um sich untereinander zu den Patienten zu besprechen?

Dr. Ellen Lundershausen: »Ja, genau so ist es. Wir haben ja teilweise gemeinsam Sprechstunde. Da geht es hin und her zwischen den Sprechzimmern. Wir besprechen Röntgen- oder Krankheitsbilder und tauschen uns aus. Manchmal schicken wir auch die Patienten in die Sprechstunde der anderen, damit sich diese auch noch einmal einen Eindruck verschaffen kann.«


Was ist für Sie besonders herausfordernd im Praxisalltag?

Dr. Ellen Lundershausen: »Es muss gelingen, aus der Vielzahl der Patienten diejenigen zu identifizieren, die schwer krank sind, um sie einer sofortigen Behandlung zuzuführen. Der Praxisalltag hält täglich Herausforderungen bereit, es ist nie langweilig und die Gemeinschaftspraxis bietet interkollegialen Austausch. Es ist eine erfüllende Tätigkeit mit viel gestalterischem Freiraum.«