Vom Hörsaal in die Praxis

Die Bundesregierung plant eine Reform des Medizinstudiums. Im Zentrum des „Masterplans Medizinstudium 2020“ stehen die Auswahlkriterien für die Studienplatzvergabe, die Förderung der Praxisnähe und die Stärkung der Allgemeinmedizin.

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Lange Wartezeiten, eine Auswahl der Studierenden, die nicht mehr ganz zeitgemäß erscheint, ein praxisfernes Studium  mit zu wenig Patientenkontakt – solche Beschreibungen hört man oft, wenn es um die Ausbildung von Medizinern geht. Bei der Gestaltung des Medizinstudiums besteht Handlungsbedarf, auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des fortschreitenden Ärztemangels. Aus diesem Grund formulierte die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag eine Reform des Medizinstudiums.

Im Frühjahr vorigen Jahres wurde vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) und dem Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um einen »Masterplan Medizinstudium 2020« zu erstellen. Mitglieder dieser Arbeitsgruppe sind Gesundheits- und Wissenschaftsminister des Bundes und der Länder. Beim Reformkonzept für das Medizinstudium der Zukunft geht es vor allem um eine zielgerichtete Auswahl der Studienplatzbewerber, um die Förderung der Praxisnähe durch eine Modernisierung der Studieninhalte und um die Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium.

Kriterien bei der Studienplatzvergabe

Gemessen an der Zahl der Bewerber pro Studienplatz ist Medizin nach wie vor eines der beliebtesten Studienfächer. Wie aus den Zahlen des Bewerbungsportals »hochschulstart.de« der Stiftung für Hochschulzulassung hervorgeht, bewarben sich für das Wintersemester 2015/2016 etwas mehr als 43.200 Schulabgänger für das Fach Humanmedizin, es waren aber nur knapp 9.100 Plätze zu vergeben – auf jeden Studienplatz kommen im Schnitt fünf Bewerber. Derzeit werden 20 Prozent aller Studienplätze allein nach der Abiturnote vergeben, weitere 20 Prozent nach der Wartezeit. 60 Prozent der Plätze können die Hochschulen nach eigenen Kriterien vergeben.

Die Auswahlverfahren der Universitäten berücksichtigen zwar weitere Gesichtspunkte, aber auch dort ist die Abiturnote neben der Ortspräferenz von besonderer Bedeutung. Die Abiturnote und der Erfolg im Medizinstudium stehen zwar in einem engen und nachweisbaren Zusammenhang, es ist jedoch nicht ausgemacht, dass ein Abiturient, der einen Numerus Clausus von 1,0 hat, auch automatisch ein guter Arzt wird. Im Zuge des Reformvorhabens wurde der Vorschlag gemacht, neben der Abiturnote Kriterien wie Auswahltests, eine abgeschlossene Ausbildung in einem Heilberuf oder soziales Engagement mehr als bisher zu berücksichtigen.

Stärkung der Allgemeinmedizin

Die Unionsfraktion im Bundestag brachte den Vorschlag einer sogenannten Landarztquote ins Spiel, ein Teil der Studienplätze würde dabei Bewerbern vorbehalten, die sich für eine spätere Tätigkeit als Landarzt verpflichten. Ein weiterer Ansatz, um mehr Ärzte und Ärztinnen zu gewinnen, die später ambulant tätig werden wollen, besteht in der Aufwertung des Fachs Allgemeinmedizin. Die Einrichtung allgemeinmedizinischer Lehrstühle an den 38 humanmedizinischen Fakultäten, die es derzeit in Deutschland gibt, ist in den vergangenen Jahren gut vorangekommen. Im Rahmen des »Masterplan Medizinstudium 2020« wurde diskutiert, ob die Allgemeinmedizin zum Pflichtteil im Praktischen Jahr (PJ) werden soll, das am Ende der Ausbildung steht. Zurzeit besteht das PJ aus drei gleich großen Teilen, davon sind die Chirurgie sowie die Innere Medizin Pflicht – der dritte Teil kann von den Studierenden frei gewählt werden.

Masterplan Medizinstudium 2020

Auf der diesjährigen Gesundheitsministerkonferenz (GMK), die Ende Juni in Rostock-Warnemünde stattfand, wurden erste Beschlüsse zum »Masterplan Medizinstudium 2020« getroffen. Die Gesundheitsminister der Länder einigten sich auf eine Quartalisierung des PJ, verbunden mit der Einführung eines verpflichtenden Quartals in der ambulanten Versorgung. Darüber hinaus soll das Fach Allgemeinmedizin verpflichtender Teil der M3-Staatsexamensprüfung nach dem PJ werden.
Die 16 Gesundheitsminister sprachen sich zudem dafür aus, dass im »Masterplan Medizinstudium 2020« festgehalten werden soll, dass jedes Bundesland die Option hat, eine eigene »Landarztquote« einzuführen. Nun sollen weitere Gespräche mit der Kultusministerkonferenz stattfinden, um sich auf ein endgültiges Konzept für die Reform des Medizinstudiums zu einigen.

Von Studierendenverbänden wie der »Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.« (bvmd) und den Medizinstudierenden im Hartmannbund wird der »Masterplan Medizinstudium 2020« kritisch begleitet. Auf Vorbehalte stoßen die »Landarztquote«, die geplante Neugestaltung des PJ und die verpflichtende Prüfung im Fach Allgemeinmedizin. Am 18. Mai veranstalteten die Studierendenverbände unter dem Motto »#RichtigguteÄrztewerden« einen bundesweiten Aktionstag. Bei dieser Veranstaltung wollten sie die Medizinstudierenden darüber informieren, welche Änderungen im Rahmen des Reformvorhabens diskutiert werden und zugleich auf ihre Standpunkte aufmerksam machen.