Interview Beratung der KVen
Interview

»Niederlassung? Das Gesamtpaket stimmt«

Lass dich nieder! Gut, wenn man dabei Experten an seiner Seite hat: die Kassenärztlichen Vereinigungen. Was bieten die KVen dir im Studium, auch wenn du noch Jahre von der Niederlassung entfernt bist? Das haben wir Christin Walther und Marco Dethlefsen gefragt. Sie hat gerade ihren Job als erster Ärztescout Deutschlands in Jena angetreten; er verantwortet die Nachwuchskampagne »Mehr.Arzt.Leben!« in Schleswig-Holstein.

Marco Dethlefsen ist gelernter Journalist und seit 2006 Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein. Als Leiter der Kommunikationsabteilung ist er für die im April 2011 gestartete Nachwuchskampagne »Mehr.Arzt.Leben!« (früher: Land.Arzt.Leben!) verantwortlich. Über die verschiedenen Formate hat die Kampagne bereits zahlreiche Medizinstudenten erreicht – im Schnitt werden pro Jahr 250 Famulierende und 50 PJler gefördert und rund 140 Fahrtkostenzuschüsse gewährt.

Frau Walther, was ist das Besondere am Ärztescout?

Christin Walther: Das Projekt ist deutschlandweit einmalig: Mein Job ist es, junge Mediziner und Medizinstudenten für die ambulante Versorgung zu begeistern. Als zentraler Ansprechpartner begleite ich sie kontinuierlich – wie eine Art Koordinierungsstelle – und biete einen Überblick über alle Angebote und Förderungen, von denen es in Thüringen ein ganzes Paket, vom Studium bis zur Niederlassung, gibt. Ich suche aber nicht nur einmalig dieses Angebot raus, sondern bin im Nachgang dauerhaft für sie da. Vom Studium über die Weiterbildung bis hin zur Beratung zu den verschiedenen Optionen der Niederlassung ist der Ärztescout Ansprechpartner. Durch die vielen Kooperationspartner kann ich schnell und auf kurzem Weg Kontakt zu weiteren fachkundigen Stellen anbieten.

Herr Dethlefsen, welche besondere Unterstützung bietet die Kampagne »Mehr.Arzt.Leben!« Studierenden?

Marco Dethlefsen: Die Kampagne hat drei Zielgruppen: Hauptzielgruppe sind die Medizinstudierenden; außerdem richtet sie sich an Ärzte in Weiterbildung und Fachärzte, die Interesse daran haben, sich niederzulassen. Den Studierenden bieten wir spezielle finanzielle Förderungen, damit sie ihre praktischen Erfahrungen im Blockpraktikum, in der Famulatur oder im Praktischen Jahr überhaupt in der ambulanten Versorgung sammeln können. Zum Beispiel zahlen wir Fahrtkostenzuschüsse, sodass die Studierenden in einer Hausarztpraxis außerhalb der Universitätsstädte hospitieren können – seit Neustem übernehmen wir auch Fähr- und Parkkosten für Lehrpraxen auf den nordfriesischen Inseln. An solchen Dingen hat es in der Vergangenheit oft gehapert. 

Warum sprechen Sie die Nachwuchsmediziner schon so früh, nämlich im Studium, an?

Dethlefsen: Wir wissen aus Studien, dass es hier einen großen Informationsbedarf gibt: Welche Möglichkeiten bietet überhaupt die Tätigkeit in der ambulanten Versorgung, welche Chancen und Perspektiven? Die sind ja sehr gut. Der Nachwuchs soll sich früh mit den Vorteilen auseinandersetzen, die eine Niederlassung bietet – nicht erst dann, wenn jemand schon in der Weiterbildung ist und vielleicht schon einen Vertrag mit einem Krankenhaus in der Tasche hat. Auch im Studium kommt zum Beispiel die Allgemeinmedizin erst sehr spät, wenn sich viele bereits für Fachdisziplinen entschieden haben.

Christin Walther hat einen Masterabschluss in Gesundheitswissenschaften – und ist seit dem 1. Januar 2015 Deutschlands erster Ärztescout. Das Bild passt: Wie ein Scout, ein Pfadfinder, zeigt sie Studierenden und jungen Ärzten Wege in die Niederlassung auf. Der Ärztescout ist ein gemeinsames Angebot der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen, der Landesärztekammer, verschiedener Krankenkassen und des Thüringer Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie.

Und warum lohnt sich der Gang zum Ärztescout bereits früh im Studium?

Walther: Das ist ganz einfach: Je früher man sich orientiert und sich die Frage stellt: »Wo will ich denn beruflich eigentlich mal hin?«, desto besser. Außerdem gibt es auch im Studium schon viele Möglichkeiten, wie man sich fördern lassen kann; in der Famulatur oder im Praktischen Jahr zum Beispiel. Der Ärztescout ist extra für die junge Zielgruppe gedacht – der Ton ist locker, die Wege sind kurz; ich begegne den Interessenten auf Augenhöhe. Klar lässt sich auch vieles im Internet recherchieren, aber der persönliche Kontakt bei Nachfragen ist viel Wert.

Wie pflegen Sie als Ärztescout den Kontakt zu den Studierenden?

Walther: Ich werde in ganz Thüringen auf Veranstaltungen wie Messen gehen und Kontakte knüpfen. Wir bauen gerade einen Online-Auftritt auf und planen unsere Präsenz in sozialen Medien. Wenn es um die Beratung geht, ist Jena aber der Mittelpunkt: Hier sind die Medizinstudierenden, und hier sitze ich mit einem eigenen Büro direkt im Studiendekanat. Ab Beginn des Sommersemesters kann man da Termine vereinbaren oder einfach vorbeikommen. Außerdem stehe ich direkt in Kontakt mit den Weiterbildungspraxen und lokalen Institutionen – vor allem in Kommunen, in denen der ärztliche Nachwuchs fehlt. Man könnte sagen, dass der Job des Ärztescouts auf zwei Säulen aufbaut: neben der Beratung ist es das Netzwerken mit den Kooperationspartnern.

Herr Dethlefsen, Sie sprachen eben viel über Förderung und Zuschüsse. Steht die finanzielle Förderung im Fokus der Nachwuchskampagne in Schleswig-Holstein?

Dethlefsen: Nein, das ist zweigeteilt. Wir haben einerseits die Förderangebote, aber wir machen auch zahlreiche Informationsveranstaltungen. Niedergelassene Ärzte geben dort ihre Erfahrungen aus erster Hand weiter. Worauf kommt es an, wenn man eine Praxis führt? Wie ist das mit der Finanzierung? Was ist mit den Honoraren? Wie funktionieren Kooperationen? Worauf muss man als Hausarzt, worauf als Facharzt achten? Wir bieten regelmäßig in den Universitätsstädten eine sogenannte Uni-Sprechstunde mit niedergelassenen Ärzten an. Neu ist bei uns das »Speed-Dating«, das ebenfalls beide Seiten zusammenbringt. In 15 Minuten können die Studierenden einen Hausarzt kennenlernen und ihm alle Fragen stellen, die sie interessieren – und das in einem spielerischen Format. Da wurden in der Vergangenheit zum Beispiel erste Kontakte fürs Praktikum geknüpft. Dann bieten wir noch die »Landpartie« an, die bei einer Bustour moderne, innovative Praxiskonzepte vorstellt. Die Studierenden können sehen: Wie funktioniert so eine Praxis überhaupt? Hier wollen wir Wissenslücken schließen und Vorurteile gegen die Niederlassung bekämpfen.

Welche Vorbehalte sind das?

Dethlefsen: Zum Beispiel, man müsse 60 bis 70 Stunden arbeiten pro Woche, und dann käme noch der Bereitschaftsdienst dazu – der Bereitschaftsdienst ist zwar Pflicht in Schleswig-Holstein, aber es wollen so viele Freiwillige diese Schichten übernehmen, dass wir niemanden dazu verpflichten müssen. Außerdem gibt es mittlerweile viele Alternativen, wie die Anstellung oder Teilzeitarbeit; die Residenzpflicht ist auch weggefallen, was viele nicht wissen. Die Studierenden haben noch immer Angst, dass sie mit ihrer Familie aus der Stadt wegziehen müssten, wenn sie eine Praxis auf dem Land eröffnen. Und es gibt natürlich auch medizinische Vorbehalte: Dass es in der Hausarztpraxis zum Beispiel nur um Husten, Schnupfen, Heiserkeit ginge. Unsere Ärzte zeigen, dass das so nicht stimmt und dass man als Hausarzt breit aufgestellt sein muss. Sie sind super Botschafter, die demonstrieren: Ich würde mich immer wieder für die Niederlassung entscheiden, weil ich hier alles machen kann, was ich machen will und machen wollte.

Frau Walther, was machen Sie gegen Vorbehalte? Holen Sie die Statistiken aus der Schublade, um diese zu entkräften?

Walther: Auch wir arbeiten mit niedergelassenen Ärzten hier in Thüringen zusammen. Durch diesen Austausch können wir vermitteln: Wie läuft es denn wirklich in der Praxis? Die Studenten und jungen Ärzte sehen dadurch einfach, was auf sie zukommt, wenn sie sich niederlassen.

Wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt »Niederlassung – ich weiß nicht recht« – was ist dann Ihr Argument?

Walther: Die Unabhängigkeit! Im Krankenhaus ist man immer den Hierarchien verpflichtet, in der eigenen Praxis bin ich mein eigener Chef. Die Arbeitszeiten sind flexibel, keine starre 40-Stunden-Woche, sodass sich Beruf und Familie besser vereinbaren lassen. Und das wirtschaftliche Risiko ist viel geringer als bei anderen Freiberuflern, man hat als niedergelassener Arzt also ein verlässliches Einkommen. Die Kosten, die mit der Niederlassung verbunden sind, und wie man eine Praxis am Laufen hält, sind sicher ein wichtiger Punkt in der Beratung. Im Medizinstudium kommen die wirtschaftlichen Aspekte einfach sehr kurz.

Dethlefsen: Unser stärkstes Argument ist immer die Vielfalt der ambulanten Tätigkeit. Man muss zum Beispiel nicht als Einzelkämpfer in der Einzelpraxis arbeiten, sondern es gibt Möglichkeiten zur Kooperation wie die Gemeinschaftspraxis. Gerade Praxisinhaber können sich zudem ihre Zeit selbst einteilen und steuern, sich einen Praxispartner oder eine Praxispartnerin dazuholen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber dem Krankenhaus: Man muss in der Praxis keine Schichten nach Dienstplan schieben. Es geht ja auch um Selbstverwirklichung und Selbstbestimmtheit: Selbst entscheiden zu können, wie man seine Patienten behandeln möchte und seine Praxis organisiert, keine starren Hierarchien, flexible Strukturen und finanziell passt es auch – das Gesamtpaket, das stimmt einfach.

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