»Die Chancen sind deutlich größer als die Risiken«
Existenzgründung

»Die Chancen sind deutlich größer als die Risiken«

Wie groß ist das Risiko? Wo lohnt sich eine Niederlassung? Welche Fördermöglichkeiten gibt es? Wer sich als Arzt selbstständig machen möchte, hat oft viele Fragen. Mareile Mattfeldt von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen beantwortet sie. Sie berät Niederlassungswillige in der Bezirksstelle Oldenburg und gibt Existenzgründerseminare. Ein Interview.

»Der Bedarf an Hausärzten ist besonders auf dem Land groß«, sagt Mareile Mattfeldt

Frau Mattfeldt, welche Fragen stellen die Teilnehmer der Existenzgründerseminare am häufigsten?
Das sind vor allem zwei Fragen: Lohnt sich der Schritt in die eigene Niederlassung? Und wie risikobehaftet ist das?

Was antworten Sie denn darauf?
Man muss sich natürlich immer gut überlegen, wo und wie man sich niederlässt. Aber grundsätzlich betone ich, dass die finanziellen Chancen deutlich größer sind als die Risiken. Das gilt besonders für eine Niederlassung in ländlichen Regionen.

Gibt es Niederlassungsoptionen, die bevorzugt werden?
Ja, besonders beliebt ist die Teilzeit- oder Vollzeitanstellung in einer Praxis sowie die  Kooperation mit einer bestehenden Praxis, zum Beispiel als Berufsausübungsgemeinschaft (BAG). Denn Lebensqualität und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielen eine zunehmend bedeutende Rolle. Neben einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung ermöglichen Berufsausübungsgemeinschaften den fachlichen Austausch unter Kollegen.

Wie beurteilen Sie diese Flexibilität im Vergleich zu einer Anstellung in einer Klinik?
Im Vergleich zu den Kliniken können die Arbeitszeiten in Berufsausübungsgemeinschaften deutlich angenehmer sein. Erfahrungsgemäß wollen viele Ärzte aus der Klinik raus, weil sie mit den Arbeitszeiten unzufrieden sind. Sie müssen oft am Wochenende arbeiten und Nachtschichten schultern. Solche Arbeitszeiten sind vor allem für Ärztinnen und Ärzte mit Familie zunehmend unattraktiver.  

Wie groß ist der Bedarf an Hausärzten?
Der Bedarf an Hausärzten ist besonders auf dem Land groß. In Niedersachsen gibt es hausärztliche Planungsbereiche, in denen ärztliche Unterversorgung droht.

Was spricht denn dafür, sich auf dem Land niederzulassen?
Da gibt es einige Punkte. Die Aussicht auf eine hohe Fallzahl, wenig Konkurrenz und gute Zulassungschancen zum Beispiel. Zur Erklärung: Viele hausärztliche Bedarfsplanungsbereiche in ländlichen Regionen sind nicht von Zulassungsbeschränkungen betroffen. Eine Niederlassung ist dort relativ einfach. Zudem profitieren Landärzte von günstigen Miet- und Wohnpreisen – und sie erhalten teilweise Unterstützung durch Kommunen. So helfen gegebenenfalls Kommunen Landärzten finanziell oder bei der Suche nach Praxisräumen. Zusätzlich gibt es Niederlassungsförderprogramme der KVen. Für Neuniederlassungen oder Anstellungen im ländlichen Raum kann von der KVN eine Förderung in Form eines Investitionskostenzuschusses gewährt werden.

Wenn Sie nur einen Ratschlag für Existenzgründer hätten: Welcher wäre das?

Das wichtigste ist, gut informiert zu sein. Niederlassungswillige sollten sich im Vorfeld bei der KV, bei Anwälten, Steuerberatern und Banken informieren. Auf diesem Weg erfährt man Wissenswertes über das Zulassungsprozedere und die Abrechnung kassenärztlicher Leistungen, zivilrechtliche Vertragsgestaltung und den richtigen Zeitpunkt der Niederlassung aus Steuersicht sowie betriebswirtschaftliche und finanzielle Aspekte. Und zusätzlich beugt die persönliche Beratung Ängsten vor.

Bereitet das Medizinstudium ausreichend auf die Niederlassung vor?
Die Rückmeldungen, die wir bekommen, sprechen eher dagegen. Viele junge Fachärzte sind mit Themen rund um die Zulassung noch nicht vertraut.  Daher versucht die KVN durch Kooperationen mit Universitätskliniken die Wissensvermittlung zu verstärken, indem sie Informationsabende zum Thema Niederlassung für Studierende veranstaltet.

Welche Mittel haben sich darüber hinaus besonders bewährt, um junge Mediziner bei der Existenzgründung zu unterstützen?

Die Palette ist groß und reicht von Infoveranstaltungen über Existenzgründerseminare und individuelle Beratungsgespräche, die jede Bezirksstelle anbietet, bis zu Kooperationen mit abgebenden Ärzten. Dafür bringen wir junge Mediziner mit niedergelassenen Ärzten zusammen und ermöglichen ihnen, Erfahrungen auszutauschen und die Praxisstrukturen kennenzulernen.